Irgendwie muss der Bohrhaken ja in den Felsen kommen. Und der Zustieg ausgeschildert. Und der Stand renoviert. Wie und warum das passiert, weiß keiner besser als Mike Gabl, der technische Leiter von Climbers Paradise Tirol. Hier gibt er Antworten auf Fragen, über die man als End-Kletter-Konsument selten nachdenkt.

Das Interview führte Simon Schöpf.

Mike, stell dich kurz vor. Wer bist du?

Mike Gabl: Ganz förmlich: Michael Gabl, Jahrgang 1959, wohnhaft in Tarrenz, Tirol. Aber eigentlich sagen alle Mike. Ich bin Lehrer, Berg- & Skiführer sowie Diplomskilehrer, habe 15 Jahre das Kletterteam Imst-Tirol-West trainiert, viele Kletterstars sind aus dieser Periode hervorgegangen. Seit 2006 bin ich technischer Leiter des Vereins Climbers Paradise Tirol. Aber am Wichtigsten: Seit 45 Jahren bin ich aktiver Bergsteiger und Kletterer. Klingt lang, ist es auch!

Tolles Ambiente in Stams, Foto: Mike Gabl | Climbers Paradise
Tolles Ambiente in Stams, Foto: Mike Gabl

Kommt die Idee vom Climbers Paradise von dir? Wie ist das entstanden? Wofür steht die Marke mittlerweile?

Mike Gabl: Angefangen hat das eigentlich im Ötztal, der Tourismusverband gab den Auftrag, aus dem Tal eine international renommierte Kletterdestination zu machen, Peter Thaler und ich waren die treibenden Kräfte dahinter. Kurz darauf folgten andere Verbände, etwa Imst oder Mieming, mit ähnlichen Anliegen. Ab da ergab es dann Sinn, alle Klettergärten unter einer zentralen Plattform zusammenzufassen, wir nannten sie „Climbers Paradise“. Was natürlich der Realität entspricht. Seitdem sind immer mehr Gebiete dazugekommen.

Mike Gabl, Philosophie Climbers Paradise | Climbers Paradise
Philosophie Climbers Paradise

Warum braucht’s überhaupt ein „Climbers Paradise“? Früher ist man doch auch einfach nur „klettern gegangen“ …

Mike Gabl: Klettern hat sich in den letzten Jahren als Breiten- und Lifestyle-Sportart etabliert. Zu Beginn des Sportkletterzeitalters waren die Protagonisten meist auch Bergsteiger, brachten also alpine Erfahrung mit, konnten mit großen, routinierten Hakenabständen umgehen. Heute wird der Sport in der sicheren Umgebung einer Kletterhalle erlernt. Die „Hallenkinder“ haben das Klettern unter ganz anderen Voraussetzungen kennengelernt und brauchen daher auch beim Klettern im Freien hallenähnliche Bedingungen. Zumindest was die Sicherheitsstandards betrifft. 

Mike Gabl, Familien- und Kinderklettergarten Ötz, Foto: Mike Gabl | Climbers Paradise
Familien- und Kinderklettergarten Oetz, Foto: Mike Gabl

Als wir damals das Projekt „Climbers Paradise“ starteten, waren viele der Klettergärten in einem desolaten Zustand. Deshalb haben wir, um die Sicherheit zu erhöhen, alte Haken entfernt und viele Routen neu eingebohrt. Um zukünftige Besucherströme zu kanalisieren, haben wir auch gleich die Infrastruktur wie Zustiegswege, Infotafeln, Toiletten und dergleichen mitinstalliert. Und genauso wichtig, aber nicht sichtbar: Um Problemen vorzubeugen, wurden zahlreiche Gespräche mit Grundstückseigentümern, Jägern, Forst- und Umweltbehörden geführt. Teilweise wurden auch Verträge geschlossen und Pachtzinszahlungen vereinbart. In Zeiten, wo nur wenige Individualisten geklettert sind, hat es das alles noch nicht gebraucht. Aber die Zeiten haben sich geändert! 

Sicherheit und Qualität haben im Climbers Paradise oberste Priorität. Wie erreicht man großflächig über ganz Tirol diese Standards?

Mike Gabl: Gleich zu Beginn von CP haben wir begonnen, Koordinationskurse für unsere Routeneinrichter zu organisieren. Damit wurden einheitliche Sicherheitsstandards für alle Regionen gewährleistet.

Das Climbers Paradise soll ja für möglichst viele Leute interessant sein, für Familien genauso wie für den Hardmover. Wie kann man Variantenreichtum sicherstellen?

Mike Gabl: Der Variantenreichtum ist durch die Vielfalt der Tiroler Klettergärten quasi schon von Natur aus gegeben. Es gelten aber je nach Zielsetzung (Familienklettergarten, Anfängerklettergarten, Hardcoreklettergarten etc.) andere Kriterien bezüglich Hakenabstände, Gelände vor der Wand, Zustiegswege und Sicherheit vor alpinen Gefahren.

Mike Gabl, Zustiegswege, Foto: Mike Gabl | Climbers Paradise
Auch Zustiegswege gehören zur Kletterinfrastruktur, Foto: Mike Gabl

Und wo kommt eigentlich das Material her? Wie viel kostet ein rostfreier Bohrhaken und wer bezahlt den?

Mike Gabl: Die Qualitätsstandards des Materials richten sich nach den gültigen Normen. Der Einkauf erfolgt durch die Tourismusverbände, Gemeinden, alpinen Vereine und wird dann an die Routeneinrichter verteilt. Dadurch wird gewährleistet, dass nur geeignetes und geprüftes Material zum Einsatz kommt. Früher wurden aus Kostengründen oft völlig ungeeignete Materialien aus Baumärkten verwendet. Ein moderner, normgerechter Bohrhaken kostet momentan ca. € 3,50, eine Umlenkung mit Kette und Karabiner ca. € 25. Inklusive Arbeitszeit veranschlagen wir etwa € 170 für eine Route mit 25 m Länge.

Mike Gabl, M12 Expressaknker, Foto: Mike Gabl | Climbers Paradise
M12 Expressanker, Foto: Mike Gabl

Klettern wird immer beliebter, immer mehr Menschen gehen an den Felsen. Wie wird die Natur dadurch belastet? Kommt es auch zu „Überfüllungen“ von Klettergärten, müssen wir bald Drehkreuze aufstellen?

Mike Gabl: Klettern boomt, absolut, und noch ist kein Ende dieses Trends abzusehen. Andererseits entstehen aber weltweit jedes Jahr zahlreiche neue Gebiete mit zigtausenden neuen Routen. Dadurch wird der Ansturm geografisch verteilt. Auch gibt es überall sogenannte „secret spots“, die nur die Insider kennen. Allerdings ist an schönen Wochenenden in den heimischen Klettergärten viel los. Das betrifft besonders Gebiete mit vielen leichten Routen. Deshalb haben wir im Climbers Paradise übrigens speziell das Einbohren von leichten Routen besonders gefördert. Hier empfiehlt sich eine gute Planung.

Mike Gabl, Schönes Ambiente im Klettergarten Starkenbach, Sektor „Am Inn“, Foto: Mike Gabl | Climbers Paradise
Schönes Ambiente im Klettergarten Starkenbach, Sektor „Am Inn“, Foto: Mike Gabl

Kann auch ich im Climbers Paradise eine Route einbohren? Welche Voraussetzungen brauchen die Routensetzer?

Mike Gabl: Um für uns einzubohren, musst du einen Koordinationskurs absolviert haben und vorzugsweise eine Kletterausbildung (Bergführer, Sportkletterlehrer) nachweisen können. Auch Erfahrung mit dem Einbohren wird vorausgesetzt.

Mike Gabl, Bohrkurs, Foto: Mike Gabl | Climbers Paradise
Bohrkurs, Foto: Mike Gabl

Noch ein Blick in die Zukunft: Wie schaut’s im Climbers Paradise in zehn Jahren aus? Was wünschst du dir?

Mike Gabl: Das Schönste an meinem Job: Klettern hat das Potenzial, das Leben vieler Menschen zu bereichern. Die Challenge einer Route bezüglich Überwindung der Sturzangst, der Anforderung an körperliche Voraussetzungen wie Kraft, Ausdauer, Gelenkigkeit, aber auch bewusste Ernährung veranlasst uns immer wieder dazu, Komfortzonen zu verlassen und neue Erfahrungen zu machen. Wer klettert, der lernt. Wir bewegen uns meist in unbeschreiblich schönen Landschaften. Ein Genuss, wenn wir diese auch bewusst und aufmerksam betrachten und nicht nur die Schwierigkeitsgrade im Kopf haben. Last but not least beschert uns auch der Umgang mit unseren Kletterpartnern viele schöne gemeinsame und unvergessliche Erlebnisse.

Mike Gabl, Mike überhängend, Foto: Mike Gabl | Climbers Paradise
Mike überhängend, Foto: Mike Gabl

Ich gebe darum die Hoffnung nicht auf, dass auch die „gallischen Dörfer“ wie beispielsweise das Zillertal und das Lechtal dem Climbers Paradise beitreten und wir das Kletterangebot weiter ausbauen und qualitativ immer weiter verbessern können.

Danke, Mike, für das Interview! 


Aufnahmekriterien für neue Gebiete/Routen

Um auf der Plattform Climbers Paradise aufgenommen zu werden, müssen Touren und Gebiete strenge Kriterien erfüllen. Zudem sorgt die Gefahrenmeldestelle dafür, dass etwaige Mängel schnellstmöglich behoben werden. Mike Gabl: „Wenn in einem Gebiet etwa irgendwo ein Haken fehlt, kann man das über die Homepage melden und ich kümmere mich darum. Kurze Zeit nach der Meldung ist in der Regel alles wieder repariert.“