An Boulderblöcken, in weltbekannten Sportklettergebieten und in Big Walls zu Hause. Babsi Zangerl macht in jeder Disziplin von sich Reden. Vor kurzem hat sie uns im Rahmen der Paraclimbing Charity-Aktion „Klettern kann jeder“ mit an die Flexengalerie genommen. Das kleine Sportklettergebiet am Arlberg könnte eines ihrer Heimgebiete sein, doch selbst die in Strengen aufgewachsene Powerfrau klettert hier zum ersten Mal. Wahrscheinlich deshalb, weil sie sonst meistens irgendwo anders auf der Welt unterwegs ist – beispielsweise in den USA, Kanada, Schweiz, Frankreich oder Spanien. Das zumindest waren ihre Reiseziele des vergangenen Jahres.  

Auch heute begrüßt uns das Energiebündel vom Arlberg fröhlich, und wiedermal mit Jetlag. Vor ein paar Tagen war sie noch in Kanada, wo sie die Tradroute The Path (5.14R/8b+) kletterte. Die erste Frauenbegehung dieser Tour bis dato, aber lange nicht Babsis erste superstarke Frauenerstbegehung – und auch nicht ihre erste Wiederholung in den obersten Schwierigkeitsgraden. Kurz bevor die Tirolerin nach Kanada flog und nur wenige Tage vor ihrem dreißigsten Geburtstag holte sie sich mit Speed Integrale ihre erste 9a. Im Jahr zuvor sicherte sie sich mit Magic Mushroom (8b+) die Wiederholung einer der schwersten Multipitch-Trad-Routen weltweit.

Für aufmerksame Babsi Follower sind das keine News mehr. Diese drei Begehungen, aber auch noch einige andere auf Babsis Ticklist haben einiges mehr gemeinsam als nur deren Ansiedelung in den schwersten Schwierigkeitsgraden oder FFAs (First Female Ascents).  Es ist auffällig wie oft Babsi eine Route als zeitlichen Close-Call klettert. The Path gelingt ihr am letzten Tag vor der Abreise, Speed Integrale wollte sie unbedingt noch vor ihrem 30er klettern, und beim Durchstieg von Magic Mushroom war kaum mehr Spielraum, bis es hieß „Good Bye, Amerika“.

Kann es etwa sein, dass Babsi unter Druck ihre beste Leistung hervorbringt? Wir haben nachgefragt, was Mrs. Sunshine pusht. Aber lest selber!

Barbara Zangerl beim Klettern, Foto: Jacopo Larcher | Climbers Paradise

Barbara Zangerl beim Klettern, Foto: Jacopo Larcher

Babsi, ist es Zufall, dass du Projekte regelmäßig erst nahe zu einer zeitlichen Deadline realisierst?

Barbara Zangerl: Nein, das war schon immer so bei mir, dass Durchstiege erst nah an einer Deadline gelingen. Beispielsweise bei „Des Kaisers neue Kleider“. Diese Tour war damals die letzte, die mir für die Alpine Trilogie noch fehlte. Nachdem ich zuvor End of Silence und dann Silbergeier kletterte, wollte ich diese Route natürlich unbedingt realisieren.

Der Tag, an dem ich die Route durchstieg, war einer der letzten möglichen Tage des Jahres, bevor es zu kalt werden würde, doch musste ich die achte Seillänge insgesamt sieben Mal einsteigen, bevor ich sie punkten konnte. Zwischen den Versuchen war ich so fertig, dass ich am Stand einschlief und beim Durchstieg hatte das nichts mehr mit Kraft zu tun, sondern nur noch mit dem Kopf. Mein Körper war total fertig. Unter anderen Umständen hätte ich schon lange zusammengepackt, aber ich wusste, heute muss es klappen. Und das ist cool: Wenn ich etwas unbedingt will, kann ich im Kopf so viel Energie mobilisieren, dass ich dann das Ziel doch noch erreiche. Hätte ich es an diesem Tag nicht gemacht, dann hätte ich die Trilogie nicht mehr in jenem Jahr geklettert, und dann, die Route ein Jahr später wieder auszuchecken, da fängt man halt wieder von vorne an.

Im Yosemite war es ähnlich. Bei Magic Mushroom dachte ich eigentlich, ich kann die Route nie klettern. Und dann ging es irgendwie, dass ich bis zur Schlüssellänge alle schaffte. Da hing ich nun, 40 Meter unter dem Gipfel und noch eine Seillänge vor mir, in der ich zuerst fast keinen Zug schaffte. Jacopo (Anm.: Babsis Partner) hatte diese Länge schon geschafft und dass wir beide in dieser Konstellation mit einem Durchstieg auf dem Gipfel stehen konnten, dass war nur jetzt möglich und für mich sehr wichtig. Und dann beginne ich alles erdenklich Mögliche zu probieren. Dass wir die Route mühsamst putzten, ich so viel Power in die Längen davor investierte und nun bis hierher geklettert war, das alles gab mir Energie, die ich für diese letzten 40 Meter nutzen konnte. Ich denk mir in solchen Situationen oft – wenn ich jetzt nicht Vollgas gebe, dann geht es nie mehr. Also Vollgas! Und dann kann ich voll einifanatla! 😀

Gehst du öfters mit der Einstellung in Routen, dass etwas zu schwer ist?

Barbara Zangerl: Schon oft, ja. Und dann bin ich noch gar nicht so motiviert, weil ich denke, das schaffe ich nie. So war es beispielsweise auch bei Magic Mushroom. Die Motivation kommt bei mir oft erst, wenn ich alle Einzelzüge gemacht habe, wenn ich merke, es könnte tatsächlich gehen. Und dann hab ich auch die Energie, mich voll auf diese Tour zu konzentrieren und alles dafür zu geben.

Bei mir ist es auch so, umso mehr Zeit ich investiere, umso motivierter bin ich. Ich kann tageweise an einem einzelnen Zug probieren, bis er endlich geht. Da bin ich froh drum, dass es nicht umgekehrt ist und es mich nicht demotiviert, wenn ich lange probiere.

Barbara Zangerl, Foto: François Lebeau | Climbers Paradise

Für Barbara Zangerl gehört die Angst zum Klettern dazu, Foto: François Lebeau

Was ist deine Erwartung an dich selber, wenn du kletterst?

Barbara Zangerl: Ich habe einen relativ hohen Anspruch an mich selber: Mir taugt es einfach, wenn ich mich spritzig fühle und mir die Kletterei leicht fällt… Aber beim Klettern hat man sowieso immer wieder große Leistungsschwankungen, das darf man sich nicht zu sehr zu Herzen nehmen.

Hast du manchmal Angst?

Barbara Zangerl: Ich hab‘ ständig Angst! Die gehört dazu beim Klettern!

Und wie wirkt sich das bei dir aus?

Barbara Zangerl: Angst ist in dem Moment, wo sie da ist, ein lähmendes Gefühl und für mich äußerst unangenehm. Ich glaube aber, ohne die Angst, wäre es nicht so cool eine Route zu klettern. Wenn man nicht nur der körperlichen Anstrengung gewachsen ist, sondern auch die mentale Herausforderung überwinden kann, ist das genial.

Für dich ist also Angst eine positive Herausforderung?

Barbara Zangerl: Ja, könnte man so sagen. Wenn man eine Stelle mit sehr großer Angst klettert und beim nächsten Mal merkt man, die Angst ist nur noch mittelgroß und irgendwann ist sie weg, dann ist das ein super Gefühl. Ich denke, so wie man zum Beispiel die Züge im Projekt immer einfacher macht, lernt man auch, mit dem sich-Fürchten umzugehen. Wenn ich eine Route trotz Angst schaffe, ist es für mich ein intensiveres Erlebnis, an das ich mich länger erinnern kann. Klar, während des Kletterns, ist es nicht so fein, aber man lernt, damit umzugehen… Wenn man will.

Du sagst, Angst gehört dazu. Auch beim Sportklettern?

Barbara Zangerl: Jein. Klettern am Fels ist ein Abenteuer. Ich finde es zum Beispiel nicht gut, wenn Routen so einbohrt sind, wie in der Halle. Es gehört zum Klettern am Fels dazu, dass man das Risiko einschätzt. Das soll nicht heißen, dass es gefährlich sein soll. Meistens fliegt man halt nur ein bisschen weiter.

Wäre Silbergeier super eingebohrt, wäre es nicht dieselbe Route. Das Überwinden, das Fürchten gehört zu dieser Route dazu, das hat Beat als Erstbegeher quasi so „bestimmt“ und das muss man respektieren, und die Route in ihrem Charakter erhalten.

Du bist ja ständig unterwegs, was bedeutet da Heimat für dich?

Barbara Zangerl: Heimat ist ein Ort zum Energie tanken, ein Platz, wo ich mich wohl fühle. Viele Kletterer fühlen sich überall zu Hause, ich aber muss wirklich mal Heim kommen nach Bludenz oder Strengen, wo ich aufgewachsen bin. Mit der Energie, die ich hier gewinne, kann ich mich dann auch für neue Projekte motivieren.

Was hältst du von der Paraclimbing Spendenaktion und welche Tipps möchtest du Menschen, in schwierigen Lagen mit auf den Weg geben?

Barbara Zangerl: Die Aktion find ich super. Es ist erstaunlich, was diese Leute leisten. Ich glaube, da kann man sich als gesunder Mensch gar nicht hineinversetzten, deshalb möchte ich mit meinen Wehwehchen jetzt auch keine Ratschläge erteilen. Ich denke aber, es ist wichtig für alle Menschen, egal in welchen Lebenslagen, sich Ziele zu setzten, auf die man hinarbeiten möchte. Egal ob es sportliche, berufliche oder gesundheitliche Ziele sind. Wenn ich kein Ziel vor Augen habe, kann ich mich beispielsweise nicht zum Trainieren motivieren. Auch wenn ich verletzt war, haben mir meine Ziele geholfen, dass ich nicht aufgebe oder frustriert werde.

Wichtig ist dabei aber, dass man nicht nur das Ziel an sich im Auge hat, sondern immer den nächsten Schritt. Man muss sich immer auf das konzentrieren, was gerade unmittelbar vor einem liegt. In einer Route geht es nicht um das Klippen vom Top, sondern um den nächsten Zug und den nächsten Griff – und darauf fokussiert man sich in dem Moment. Diese Einstellung hilft mir, motiviert zu sein und Ziele – egal wie weit weg sie erscheinen – zu realisieren.

Danke für das Gespräch !

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