Er ist fast so wichtig wie Seil und Sicherungsgerät: ein verlässlicher Führer gehört zur Kletterausrüstung einfach dazu. Kletterführer bieten Informationen über Routen, Schwierigkeitsgrade, Anfahrt und weitere Details, die für einen erfolgreichen Tag am Fels wichtig sind.

Dabei sieht man den praktischen Büchern oft gar nicht an, wie viel Arbeit in ihnen steckt. Mit der romantischen Vorstellung, ein bisschen klettern zu gehen, dabei ein paar Fotos zu schießen und alle Informationen dann aufs Papier zu bringen, hat die Arbeit an einem zuverlässigen Kletterführer nämlich rein gar nichts zu tun.

Günter Durner vom Am-Berg Verlag in Garmisch-Partenkirchen, der für seine Tourenführer und Lehrbücher bekannt ist, hat für uns zusammengefasst, worauf es beim Erstellen eines Kletterführers ankommt.

Projekt Kletterführer: grundsätzliche Überlegungen

Um einen erfolgreichen Kletterführer zu produzieren, sind jede Menge Know-how, viele Werkzeuge und zahlreiche Einzelschritte notwendig. Am Anfang sollte immer die Grundüberlegung stehen, was man mit dem Kletterführer eigentlich bezwecken will und was dazu benötigt wird, bevor man die einzelnen Schritte umsetzt. 

Ein gutes Konzept gehört dazu

Abgesehen vom Klettergebiet, das man beschreiben möchte, sollte man sich gleich zu Beginn ein Konzept überlegen, aus dem sich alle Einzelteile ergeben, die man benötigt. 

Dazu gehört Folgendes: 

  • Wandbilder (hochauflösende, detailreich, gestochen scharfe Aufnahmen)
  • Routeninformationen (Routenliste, Länge, Schwierigkeitsgrade)
  • Texte (Gebiets-, Routen-, Anfahrtsbeschreibungen)
  • Landkarten (Übersichtskarten, Anfahrtskarten)
  • Kletterfotos (besondere Bilder mit einer ansprechenden Bildsprache)

Für die Umsetzung sollte man folgende Punkte einbringen können oder jemanden haben, der behilflich sein kann: 

  • Kreativität
  • Know-how (Bildbearbeitung, Illustration, Layout)
  • Technisches Equipment (Vollformatkamera, High-End-PC, Profisoftware)
  • Unzählige Arbeitsstunden
  • Gewaltiges Durchhaltevermögen

In einem Kletterführer stecken also jede Menge Informationen, die auch noch in einem ansprechenden Layout übersichtlich aufbereitet sein sollen. Kaum jemand macht sich eine Vorstellung davon, wie aufwendig und komplex es ist, aus einem weißen Blatt Papier ein fertiges Produkt für den Buchhandel zu erstellen. 

Kletterführer, Girls on Rock, Günter Durer| Climbers Paradise
Will man einen Kletterführer schreiben, sollte man schon im Vorfeld genau wissen, was man alles dazu braucht. Gute Bilder gehören jedenfalls dazu.

So nebenbei geht gar nichts

Die Arbeit, einen Kletterführer zu verfassen, ist jedenfalls meilenweit von der romantischen Vorstellung entfernt, etwas klettern zu gehen und dabei die eine oder andere Information aufzunehmen und dann nebenbei das Ganze zwischen zwei Buchdeckel zu pressen und als Kletterführer herauszubringen. Um einen Kletterführer herzustellen, bedarf es einer ganz anderen Art klettern zu gehen. Und zwar einer, bei der nicht der Spaß am Klettern im Fokus steht, sondern das Sammeln von Informationen und Daten.

PC-Maus statt Klettergriffen

Die überwiegende Arbeitszeit verbringt man leider nicht am Felsen, sondern am Computer, um die gewaltige Menge an Daten zu sichten, zu verifizieren, aufzubereiten und in Form zu bringen. Die unumgängliche Notwendigkeit der Datenaufbereitung am Computer ist für mich oft eine größere Herausforderung als eine schwere Kletterroute zu begehen. Mein sehr hoher Anspruch an Qualität und das Streben nach Perfektion führen dazu, dass das Projekt Kletterführer erst fertig ist, wenn ich wirklich hundertprozentig zufrieden bin. Leider kann man, auch wenn man noch so gewissenhaft und gut arbeitet, es nicht allen recht machen. Es gibt immer Menschen, die etwas zu kritisieren haben, aber das ist für mich meist ein Ansporn, das Ganze bei einer neuen Auflage besser zu machen. 

In 8 Schritten zum fertigen Kletterführer

Schritt 1: Kletterführer-Konzept 

Der erste und wichtigste Schritt ist, ein Kletterführer-Konzept zu erstellen. In diesem sind alle Aspekte detailliert aufgelistet und genau beschrieben, wann was wie gemacht werden muss. Je genauer das Konzept, desto einfacher ist die Umsetzung. Eigentlich ist das Ganze nichts anderes als ein Projektmanagement. 

Schritt 2: Die „Vorort-Recherche“

Im Zuge der „Vorort-Recherche“ werden alle relevanten Informationen und Daten wie Zustiegszeit, Routenlänge, Schwierigkeitsgrade, GPS-Koordinaten und vieles mehr gesammelt. Zudem werden Wand- und Kletterbilder angefertigt.

Schritt 3: Layout 

Sind alle Informationen und Daten der „Vor-Ort-Recherche“ im Kasten, dann kommt die eigentliche Aufgabe – das Sortieren der Daten. Zuerst wird ein entsprechendes Layout in einem Layoutprogramm erstellt, um dieses dann mit den aufbereiteten Daten füllen zu können.

Schritt 4: Erstellen der Foto-Topos

Das Herzstück jeder Tour ist das Foto-Topo. Um ein Foto-Topo zu erstellen, muss zuerst das entsprechende Wandbild ausgesucht werden. Danach wird es mit entsprechenden Programmen bearbeitet und auf dem Wandbild werden die Routen, Umlenkungen, Standplätze und die Nummerierungen hinzugefügt.

Der Kern eines Foto-Topos

Eine große Herausforderung ist das Anfertigen eines Wandfotos, da dieses die Grundlage für ein Foto-Topo ist. Die Qualität eines Foto-Topos hängt davon ab, wie gut das Wandbild ist. Eine Wand so zu fotografieren, dass man daraus Foto-Topos erstellen kann, ist viel schwieriger als man annimmt. Es kommt stark darauf an, aus welcher Perspektive die Wand fotografiert wird, der Nutzer will ja vor Ort eine möglichst realistische Darstellung haben. Die Lichtverhältnisse müssen ebenso berücksichtigt werden. Schönes, sonniges Wetter ist ungünstig, weil dann die Licht- und Schattenverhältnisse zu groß sind. Bewuchs vor einer Wand, ein steiler, abschüssiger Wandfuß usw. erschweren zudem die Abbildung der Wand. Ich mache meist mehrere hundert Bilder von einer Wand. Von diesen Bildern sind dann nur wenige als Wandbild geeignet.

Kletterführer, Beispiel Wandfoto, Günter Durer| Climbers Paradise
Nur ein gutes Wandfoto eignet sich als Foto-Topo, Quelle: Am-Berg Verlag

Schritt 5: Erstellen der Anfahrtskarten

Ein guter Kletterführer beinhaltet auch eine Anfahrtskarte, damit der Felsen auch gefunden werden kann. Die Anfahrtskarten werden in einem Grafikprogramm erstellt und entsprechend aufbereitet.

Kletterführer, Beispiel Anfahrtskarte, Günter Durer| Climbers Paradise
Gute Anfahrtskarten und eine schlüssige Symbolsprache gehören ebenfalls zu einem ansprechenden Kletterführer, Quelle: Am-Berg Verlag

Schritt 6: Zusammenführen aller Daten

Sobald die Foto-Topos und Anfahrtskarten fertig sind, werden die Gebiets-, Routen-, Anfahrtsbeschreibungen, GPS-Daten und sonstigen Infos zusammengestellt. Alles zusammen fließt in das Layout des Buches ein. Nachdem jedes Gebiet so seine Eigenheiten hat und jeder Klettergarten unterschiedlich groß ist, muss das Layout oft angepasst werden. Ganz nach dem Designleitsatz „Die Form folgt der Funktion“.

Schritt 7: Kontrolle

Alle Informationen werden von „Locals“ überprüft, ergänzt bzw. korrigiert. Dieser Prozess kann ziemlich lange dauern und ist oft sehr „nervenaufreibend“, immerhin müssen zahlreiche Qualitätsmerkmale besprochen, entschieden und erfüllt werden.

Schritt 8: Bilder

Ein Kletterführer ohne Bilder ist wie eine Route ohne Bolts. Also müssen noch Kletterbilder her. Bei der Bildsprache in meinen Kletterführern achte ich darauf, dass die Bilder möglichst viel über das Gebiet „aussagen“. Auf den Bildern soll erkennbar sein, um welche Art von Touren es sich handelt, wie die Landschaft aussieht, ist es eher schattig oder sonnig, ist der Felsen im Wald oder im freien Gelände. Und zu guter Letzt sollen die Kletterbilder auch Lust aufs Klettern machen. 

Kletterführer, Girls on Rock, Günter Durer| Climbers Paradise
Richtig gute Bilder sollen Lust auf Klettern machen.

Schritt 9: Druck

Wenn diese Hürden genommen sind, kann der Kletterführer in Druck gehen.

Kletterführer Endprodukt, Günter Durer| Climbers Paradise
Das Endprodukt ist der fertige Kletterführer, der im Buchhandel erhältlich ist, Quelle: Am-Berg Verlag