Neuland über Ehrwald – Tiroler Zugspitz Arena

Wenn sich in den letzten Jahren beim Alpinklettern etwas getan hat, dann rund um die Coburger Hütte gegenüber der Zugspitze. Noch vor wenigen Jahren hatte kein Kletterer das Gebiet in der Mieminger Kette am Radar. Doch seit der Südtiroler Profialpinist Christoph Hainz dort den Bohrer angesetzt hat, ist es anders.

Headerbild: Hochgefühl
Was braucht der Homo Bergensis zum Glücklichsein? Eigentlich nur Berge, oder? Wenn dem so ist, dann müssen Bergmenschen hoch über Ehrwald aufpassen, nicht an einer Überdosis Glück zu kollabieren. Denn dort gibt es von allem mehr: mehr Bergseen, mehr leuchtende Farben, mehr neue Kletterrouten.

 

Heute geht’s zum Tiroler Loch Ness“, witzelt Chanti . Die drei Freundinnen haben soeben ihre E-Bikes hinter dem Seebensee geparkt.
„Mithilfe der neuen E-Mobilität war der Weg hier hoch auf 1.657 m ebenso ein Witz“, meint sie frech lächelnd. Aber auch ohne Strom lässt sich der Weg von Ehrwald gemütlich hinter sich bringen. Denn die Ehrwalder Almbahn ist nicht weit und ein Biketransport wird für zwei Euro pro Fahrt angeboten. Fast flach führt der breite Weg von der Bergstation zum Seebensee. Kein Wunder also, dass sich der malerische Ort zum beliebten Instagrammotiv gemausert hat. Schöne Bergseen gibt es auch woanders, mag man sich nun denken. Warum ist ausgerechnet diese Gegend so hoch im Kurs? Verkaufspsychologisch liegen die Argumente klar auf der Hand: Hier bekommst du zwei Bergseen zum Preis von einem. Nur eine gute halbe Stunde Fußmarsch vom Seebensee entfernt liegt der Drachensee – das Loch Ness Tirols, wie Chanti den See originell umgetauft hat. „Woher wohl der Name Drachensee kommt?“, fragt sie mit großen Augen in die Runde. Beredtes Schweigen. Die drei Freundinnen sind aber primär nicht hier, um Namenforschung zu betreiben oder tolle Instagrambilder zu schießen, sondern um zu klettern. Was sie aber gratis zur Kletterei dazu bekommen, ist die beste Perspektive. Von den nur kletternd zu erreichenden Gipfeln hat man nämlich zweifelsohne den besten Blick auf das Seenduo mitsamt bester Selfieposition. Nur ausgewählte Instagramer verirren sich auf diese selektiven Gipfel.

Klettern Tiroler Zugspitz Arenda @ Michael Meisl I Climbers Paradise

Klettern Tiroler Zugspitz Arenda @ Michael Meisl I Climbers Paradise

Klettern Tiroler Zugspitz Arenda @ Michael Meisl I Climbers Paradise

Augenschmaus Sind sie nicht wunderschön – die Strukturen, Formen und Schattierungen in Grau? Welche Kletterin ist nicht süchtig nach perfekten Tropflöchern à la Südfrankreich? Diese hier befinden sich allerdings nur wenige Meter hinter der deutschen Grenze.

Vor den drei Freundinnen breitet sich ein großartiges Felsamphitheater aus. Links die Tajaköpfe, dazwischen duckt sich der Drachenkopf vor dem Hintergrund des drachenartig gezackten Gratrückens des Wamperten Schrofens. Welch skurriler Name für einen Berg. Wampert bedeutet im Tiroler Dialekt dickbäuchig. Was sein Antlitz durchaus treffend beschreibt. Rechts davon die mit einem viel weniger kreativen Namen bedachte Ehrwalder Sonnenspitze, die dafür umso erhabener aussieht. Gerne wird sie aufgrund ihrer schönen Form als Ehrwalder Matterhorn bezeichnet. Im Vergleich zum Matterhorn ist der Fels aber hier viel kompakter. Man ist geneigt zu behaupten, dass die Sonnenspitze nicht nur so aussieht wie ein Stück Toblerone, sondern auch die Kletterei dort so schmeckt: genussvoll sü.. Überhaupt zeigt sich das ganze Gebiet klettertechnisch von seiner Schokoladenseite.

Klettern Tiroler Zugspitz Arenda @ Michael Meisl I Climbers Paradise

Da die Kletterrouten großteils erst in den letzten Jahren erschlossen wurden, ist die Absicherung unserer modernen Vollkaskomentalität entsprechend perfekt. Und der Wettersteinkalk war geologisch betrachtet sowieso immer schon perfekt. Die Tour „Boomerang“, welche die drei fitten Mädels heute an der Sonnenspitze auserkoren haben, bildet da keine Ausnahme. Boomerangförmig zieht sich die Kletteroute am Felswulst nach oben.

„Die geilste alpine Linie, die ich bisher geklettert bin“, so das Fazit von Chanti.

Cooles Instagrambild inklusive. Das „vermutlich beste Tiroler Gröstel Tirols“, wie die Süddeutsche Zeitung das einfache Kartoffelgericht auf der Coburger Hütte lobt, haben sich die drei Mädels daher im Anschluss vollauf verdient. Warum nun der Drachensee eigentlich Drachensee heiße, fragt Chanti den servierenden Hüttenwirt Friedl Schranz. „Weil böse Schwiegermütter hier versenkt werden“, behauptet dieser schlagfertig unter lautem Lachen.

Klettern Tiroler Zugspitz Arenda @ Michael Meisl I Climbers Paradise
Schönheit Darf’s ein bisschen mehr sein? Geht noch mehr an schönen Eindrücken, ohne dass es völlig kitschig wird? Wir glauben nicht. Chanti in der dritten Seillänge (7+) der Route „Boomerang“.

„Nein, das weiß eigentlich keiner so genau, da es auch keine konkrete Drachensage zu der Bergregion gibt.“ „Vielleicht lebt ja ein echtes Seeungeheuer im Drachensee?“, hakt Chanti scherzend nach. So abwegig wäre das nicht, schmunzelt Friedl, denn im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität Innsbruck wurden hier vor vielen Jahren einmal kanadische Saiblinge ausgesetzt. Ihnen bekam die Höhenlage bestens und bis heute sind die riesig gewordenen Saiblinge im Drachensee. Ab und zu kommen sie an die Seeoberfläche und in der Abenddämmerung könnte so ein fetter Saibling schon mal für ein Seeungeheuer gehalten werden.

Klettern Tiroler Zugspitz Arenda @ Michael Meisl I Climbers Paradise
Boomerang Das war ursprünglich die Jagdwaffe der Aborigines. Waffen brauchen Marie und Chanti aber heute in der boomerangförmigen „Boomerang“ (8) nicht. Vielmehr bringen sie den nötigen Killerinstinkt mit, um die Schlüsselstelle mit bloßen Händen zu erlegen.

Klettern Tiroler Zugspitz Arenda @ Michael Meisl I Climbers Paradise

Klettern Tiroler Zugspitz Arenda @ Michael Meisl I Climbers Paradise

Klettern Tiroler Zugspitz Arenda @ Michael Meisl I Climbers Paradise

Charisma …hat nicht nur Chanti, sondern das gesamte Gebiet. Die Aura dieser
Gebirgslandschaft aus Grau, Grün und dem Türkis der Seen berührt jede Seele.

LIMIT #2: Alpinklettern in Tirol – die druckfrische Ausgabe!

In diesem Heft haben wir uns ganz dem Alpinklettern in Tirol gewidmet. Auf 136 Seiten präsentieren wir die beeindruckende vertikale Vielfalt Tirols. Mit spannenden Storys aus 15 Kletterspots, die einen tiefen Einblick in die Geschichte des alpinen Kletterns in Tirol bieten.

 

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