Habt ihr euch schon mal gefragt, was der Unterschied zwischen Freeclimbing (Freiklettern) und Free-Solo-Klettern ist? Lexikalisch betrachtet mögen die Abweichungen zwar nur ein paar wenige Silben ausmachen, auf Anwendungsebene jedoch könnte der falsche Gebrauch der Begriffe sogar Leben kosten. Wir haben für euch die wichtigsten Disziplinen und Begehungsstile des Kletterns aufgearbeitet und mit Infos zu deren Entstehung behübscht.

So geht ihr garantiert keine falschen Wetten ein und zusätzlich könnt ihr auch mit ein paar Infos zu den Disziplinen punkten.

Disziplinen

Leadklettern

Das klassische Vorstiegsklettern bezeichnet das Begehen einer Route mit Seilsicherung von unten mit fixen Zwischensicherungspunkten. Die Disziplin erfordert teils starke Nerven, darüber hinaus Ausdauer und jede Menge Haltekraft, u.a. wegen des Einhängens der Zwischensicherungen, das gegenüber dem Toprope-Klettern noch dazukommt. Auch taktisch und technisch wird einiges von den Kletterern abverlangt, vor allem in einem Onsight-Durchstiegsversuch. Und so bewahrheitet sich auch die Wikipedia-Beschreibung, dass es sich um die „physisch und psychisch anspruchsvollste gesicherte Begehung einer Kletterroute “ handelt.

Historisch betrachtet hat das Vorstiegsklettern, so wie wir es heute kennen, Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre in den USA seinen Aufschwung erlebt. Auf der ganzen Welt hat man die amerikanischen Rookies beobachtet, wie sie Routen einbohren. Schnell wurde erkannt, dass man sich auf diese Art und Weise klettermäßig viel rasanter weiterentwickeln kann, als beim Clean-Klettern. So hat man sich auch in Europa rasch dem amerikanischen Modell angepasst und bald auch hierzulande eingebohrt, was das Zeug hält.

Klettergarten Dschungelbuch, Martinswand. Foto: Michael Meisl

Im Vorstieg – Klettergarten „Dschungelbuch“, Martinswand, Foto: Michael Meisl

Bouldern

Die wahrscheinlich aktuell beliebteste Spielart des Kletterns ist das Bouldern. Ohne Seil klettert man hierbei bis auf Absprunghöhe. Als Sicherung dienen Matten (vor allem in der Halle) oder Crashpads, die mit an den Felsen gebracht werden. Richtige „Bleausards“ verzichten sogar auf diese und bouldern in den Wäldern von Fontainebleau oft nur mit einem kleinen Teppich, der nicht dem Schutz des Kletterers, sondern dem des Felsens dient. Es sei jedoch gesagt, dass es ohne diese französische Klettergeschmeidigkeit ohne Matten schmerzhaft und gefährlich werden kann.

In der Geburtsstätte des Boulderns (Fontainebleau) wird übrigens schon seit den 1890er-Jahren geklettert. Maßgeblich weiterentwickelt hat die Disziplin jedoch John Gill in den 1950er- und 1960er-Jahren. Er entwickelte den Stil des dynamischen Kletterns und führte Magnesia zur Optimierung der Reibung ein – was für ein Held!

Eine Grenzüberschreitung beim Bouldern ist das Highball-Klettern. Hierbei spricht man von hohen Bouldern, bei denen ein Sturz nicht mehr möglich ist, ohne dass man mit seriösen Verletzungen rechnen muss (ca. 4–5 Meter). Dabei ist der Übergang zum Free-Solo-Klettern fließend (ca. ab 7 Meter).

Bouldern im Silvapark hoch über Galtür im Paznaun, Foto: Simon Schöpf

Bouldern im Silvapark hoch über Galtür im Paznaun, Foto: Simon Schöpf

Toprope

Das Kind des elterlichen Sportkletterns nennt sich Toprope. Eine Disziplin, die ihre Daseinsberechtigung vor allem im Anfänger- und Kinderbereich hat. Die Entwicklung des Toppas (mechanische Seilbremse) hat das Topropeklettern darüber hinaus „salonfähig“ gemacht und so wird auch trainingsfunktional ohne Kletterpartner auf- und abgespult. Auch die Wettkämpfe des Parakletterns spielen sich überwiegend im Toprope ab.

Paraclimbing

Paraclimbing bezeichnet das Klettern für Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen. Je nach Art und Ausprägung dieser Beeinträchtigung werden die Athleten verschiedenen Kategorien zugewiesen, innerhalb derer sie ihre Kräfte messen.

2011 fanden die ersten IFSC-Paraclimbing-Weltmeisterschaften in Arco (IT) statt. Seitdem gewinnt diese Disziplin immer mehr an Bedeutung und fasziniert Zuseher aus aller Welt.

Speedklettern

Das Speedklettern tanzt wohl in den meisten Aspekten aus der Reihe der Kletterdisziplinen. Vordergründig, da in dieser Disziplin das Tempo über Sieg oder Niederlage entscheidet. Die Speed-Route ist grundsätzlich international standardisiert, wodurch Speed die einzige Disziplin darstellt, in der Weltrekorde aufgestellt werden können. Wichtig für den Erfolg im Speedklettern sind vor allem Schnell- und Maximalkraft, Schnelligkeit, höchste Greif- und Trittpräzision und die Fähigkeit, sich die Bewegungsabläufe der Route genau einzuprägen.

Neben dem klassischen Speedklettern an Kunstgriffen gibt es aber auch am Felsen einige nennenswerte Speedkletterbegehungen der anderen Art. So sind Alex Honnold und Tommy Caldwell die „Nose“ am El Capitan (knapp 1000 m) 2018 in Rekordzeit (1 Stunde, 58 Minuten) geklettert. Auch Dani Arnolds Speedrekord an der Großen Zinne ist unglaublich: 2019 kletterte der Schweizer die 550 m lange Comici-Dimai-Route Free Solo in 46 Minuten und 30 Sekunden.

Kombinationen

Das Kombinationsformat wurde für die Olympischen Spiele 2020 (2021) entwickelt, wobei es bereits bei einigen nationalen und internationalen Meisterschaften zur Austragung kam. Geklettert werden die Einzeldisziplinen Speed, dann Bouldern und abschließend Lead, woraus sich eine Gesamtbewertung ergibt.

Aus bisherigen Beobachtungen zeigt sich, dass die Olympische Kombination eine große Herausforderung für die Wettkampfathleten darstellt, die ihnen physisch und psychisch alles abverlangt.

Alpines Sportklettern

Langsam dringen wir in die abenteuerlicheren Gefilde des Kletterns vor: Das alpine Sportkletten ist eine Kombination aus Alpin- und Sportklettern. Dies beinhaltet folgende Aspekte: Es handelt sich dabei um Mehrseil-Touren, wobei leichte Passagen bevorzugt mit mobilen Sicherungsgeräten wie Friends, Keilen oder Bandschlingen usw. gesichert werden, während schwierige Passagen mit Bohrhaken versehen sind.

Meistens erfolgt das Einbohren und somit das Platzieren der Bohrhaken von unten. Das entspricht der Ethik der großen Pioniere dieser Disziplin und hat vor allem eine Konsequenz: Schwierige Stellen müssen frei geklettert werden! Warum? Ganz einfach: Stellt euch den Erstbegeher vor, der eine schwierige Passage zu überwinden versucht. Er hat diese Stelle schon Dutzende Male versucht und noch immer weiß er nicht, ob sie überhaupt kletterbar ist.

Ihm geht es vor allem um eines: Weiterkommen, bis zum nächsten guten Griff, wo er eine Selbstsicherung bauen kann – vielleicht an einem Skyhook, den er nur auf einer kleinen Ecke aufgelegt hat. In diese Sicherung setzt er sich hinein, zieht die Bohrmaschine von seinem Sicherungspartner nach oben und versucht dort einen Bolt zu setzen, während er hofft, genügend Balance zu halten, sodass er nicht mitsamt seiner Selbstsicherung und der Bohrmaschine aus der Wand geschleudert wird und einen weiten Abgang nach unten reißt. So kann der Bolt also erst über der schwierigen Stelle platziert werden, was bedeutet, dass die Crux frei geklettert werden muss. Klar, ein Abseilen nach unten, um dort die Route zusätzlich abzusichern, wäre möglich, entspricht aber auch nicht der Ideologie des alpinen Sportkletterns.

Heutzutage findet man allerdings doch den einen oder anderen Kletterer, der sich, warum auch immer, von der Tradition eher unbeeindruckt zeigt.

Mobile Sicherungsmittel, Tipps zum Alpinklettern | Climbers Paradise

Mobile Sicherungsmittel

Plaisir-/Mehrseiltouren

Wenn eine Route länger ist als eine Seillänge und Standplätze eingerichtet werden müssen, spricht man von Mehrseillängen-Routen. Dabei kann die Länge unterschiedlich ausgeprägt sein. Schon eine Länge von 90 Metern muss zumeist als Mehrseilroute geklettert werden.

Über den Absicherungszustand kann nichts Allgemeines gesagt werden, da dieser immer von den Einrichtenden abhängig ist. Manche Routen sind komplett eingebohrt, andere lassen mehr Spiel für mobile Zwischensicherungen. In jedem Fall gilt es aber mehr zu planen und zu beachten als bei einem normalen Tag im Sportklettergarten. So ist es zum Beispiel essenziell, Seilkommandos abgestimmt sowie das Wetter und den Routenverlauf vorab gecheckt zu haben. Auch Abstiege/ Abseilstellen von hohen Wänden müssen gefunden werden und dafür  muss extra Zeit eingeplant werden.

Dies gilt auch für Plaisirtouren, wobei diese in allen Faktoren ein bisschen entschärfter sind: So weisen Plaisirtouren einen moderaten Schwierigkeitsgrad auf (etwa bis zum 7. UIAA-Grad), sind gut mit Bohrhaken abgesichert und haben einen eher kurzen und risikoarmen Zu- sowie Abstieg. Genussklettern eben.

Alpines Klettern

Beim alpinen Klettern steht das Erreichen des Gipfels im Zentrum, nicht die Überwindung des gewünschten Schwierigkeitsgrades. Dabei werden mehrere Seillängen aneinandergereiht. Das können so viele sein, dass man sogar in der Wand biwakieren muss. Dann spricht man von Bigwalls.

Häufig sind nur wenige Bohrhaken vorhanden, weshalb noch Zwischensicherungen angebracht werden. Manche alpinen Routen sind absolut clean, das heißt, dass kein einziger Bohrhaken zur Sicherung oder Orientierung im Gelände angebracht ist. Hier müssen die Kletterer selbst die nötige Kenntnis haben, um Routenverläufe zu lesen, Sicherungen anzubringen und Standplätze zu bauen. Das Risiko eines Sturzes besteht darin, schlecht gesetzte Klemmkeile, Friends und Felshaken sowie zu schwache Sanduhren gelegt zu haben. Diese können bei einem Sturz ausbrechen. Eine Redundanz ist durch enge Abstände der Zwischensicherungen möglich, und beim Klettern mit zwei Halbseilen durch nebeneinanderliegende Zwischensicherungen mit jeweils einem der beiden Seile.

Aufgrund der genannten Faktoren wie Wegfindung und Sicherung wird in alpinen Routen häufig einige Grade unter dem Rotpunkt-Niveau geklettert, um Risiken zu vermeiden.

Auch das Eisklettern ist eine Spielart des alpinen Kletterns. Auch hier werden Sicherungen selbst angebracht (Eisschrauben) und das Klettern ist generell sehr risikoreich. Ansonsten ähnelt es in keinster Weise dem Klettern am Felsen, denn ihr wisst schon, Eis und Pickel und so …

Alpinklettern am Wilden Kaiser, Tirol. Foto: Simon Schöpf | Climbers Paradise

Alpinklettern am Wilden Kaiser, Tirol, Foto: Simon Schöpf

Trad – oder Cleanklettern

Beim Trad- oder Cleanklettern werden mobile Sicherungen am Felsen angebracht und nach Beendigung der Route wieder entfernt. Entstanden ist diese Art des Sicherns, um Schlaghaken zu vermeiden. Yvon Chouinard, Pionier in Sachen Big-Wall-Klettern (und Gründer der Marke Patagonia), bemerkte schon in den späten Fünfzigerjahren, dass das Anbringen von Schlaghaken nachhaltige Schäden am Felsens hinterließ. Um sogenannte „Pin Scars“ zu vermeiden, entwickelte er die ersten Versionen von Klemmkeilen, die in Rissen angebracht werden konnten. Die Klemmgeräte haben sich zwar hinsichtlich Technologie und Sicherheitsstandards der Zeit angepasst, sie blicken jedoch auf eine langjährige Tradition zurück. Heute sind die mobilen Sicherungsgeräte so gut, dass selbst Anfänger schnell Gefallen am Tradklettern finden.

Bewegungsstile

Freiklettern

Unter Freiklettern versteht man, dass zum vertikalen Fortbewegen lediglich der eigene Körper, aber keine künstlichen Hilfsmittel eingesetzt werden. Das heißt: Wer an einer Exe zieht, um eine Stelle zu überwinden, ist kein Freikletterer mehr – zumindest nicht in diesem einen Versuch. Eine Sonderform stellt das Free-Solo-Klettern da, bei dem frei, aber auch allein geklettert wird – also die freie Begehung ohne Sicherung und Partner.

Free-Solo

Klettert jemand eine Route Free Solo, so setzt er sich einer enormen Gefahr aus, denn auf jegliche Art der Sicherung wird verzichtet. Auf Free-Solo-Touren haben sich die Kletterer meist akribisch vorbereitet und die Routen exakt ausgebouldert, sodass keine Fehler mehr möglich sind – in der Theorie zumindest.

Free-Solo-Kletterer brauchen dafür ein extrem starkes Mindset, die Fähigkeit vollster Konzentration auf das Hier und Jetzt sowie extrem viel Grundvertrauen in die eigenen Stärken. Und genau hier liege auch der Reiz des Tuns, zitiert man „Free-Solo-isten“.

Spätestens seit Alex Honnolds Kinohit „Free Solo“ ist die Disziplin auch über Kletterkreise hinaus bekannt, wobei man sagen muss, dass der Film eine Realitätsverzerrung des normalen Kletterers bewirkt hat, denn nur die wenigsten sind so „crazy“.

Free-Solo-Base-Klettern gilt als Ergänzung hierzu, wobei der Kletterer einen Base-Schirm am Rücken trägt, sodass er im Falle eines Sturzes den Baseschirm ziehen kann. Die Option des „Rettungsschirmes“ ist allerdings nur dann sinnvoll, wenn eine gewisse Absprunghöhe erreicht wird. Bei einem Sturz auf den ersten 10 Metern würde der Schirm wohl nichts mehr bewirken.

Auch beim Deep-Water-Solo klettert man quasi Free Solo, wobei ein Sturz ins Wasser erfolgt und dadurch das Verletzungsrisiko reduziert ist. Zum Teil werden in dieser Disziplin auch Wettkämpfe organisiert, wie das amerikanische Psicobloc Masters.

Rotpunkt

Rotpunkt-Klettern bedeutet, dass man eine Tour, die vorher schon ausgecheckt worden ist, bis zum Umlenker klettert. Dabei ist es nicht von Relevanz, ob in die Route bereits zum hundertsten Mal eingestiegen wurde oder erst zum zweiten Mal.

Wird man hingegen nach dem Rotpunkt-Niveau gefragt, dann sollte die Antwort jenen Grad beinhalten, der innerhalb von 2 bis 3 Versuchen realisiert werden kann. Wer also regelmäßig 7b klettert und einmal eine 8a gepunktet hat, dessen Rotpunktniveau lautet: 7b, nicht 8a.

Klettern mit Überhang bei der Arzbergklamm, Foto: Günter Durner | Climbers Paradise

Klettern mit Überhang bei der Arzbergklamm – das persönliche Rotpunktniveau testen, Foto: Günter Durner

Pinkpoint

Genau dasselbe wie oben, nur mit vorgehängten Expressschlingen. Der Begriff wird in der Community eher vernachlässigt.

Brushpoint

Noch kein Begriff, aber vielleicht bald: Brushpoint heißt der neue Stil von Alex Megos, dem wohl die harten Projekte ausgegangen sind. So putzt Megos im „easy“ Frankenjura-Klassiker „Father and Son“ (8c) noch während der Begehung fast jeden Griff, den er anfasst. Witzig – und nicht ganz ernst gemeint, aber auf alle Fälle „level up“! Unglaubliche Leistung, Alex!

Onsight

Onsight nennt sich die freie Begehung einer Route im ersten Versuch und damit ist diese Kletterform die wohl ehrlichste Art einer Begehung. Bei einem Onsight bekommt man nämlich weder Lösungen geliefert, noch hängen Expressschlingen in der Wand. Streng genommen dürften auch keine Tickmarks am Fels sein. Hätte dein Kletterbuddy dir letzte Woche noch erzählt, dass du bei einer Route am dritten Bolt die Leiste rechts voll zuhalten und zweimal links verlängern musst, und du würdest die Route heute im ersten Versuch punkten, wäre es kein Onsight mehr, sondern „nur“ ein Flash.

Flash

Flash heißt also die Begehung einer Route im ersten Versuch mit der Einholung von Informationen über die Lösung der Route. Versuchst du einen Onsight und jemand ruft dir von unten zu, dass da noch ein versteckter Crimp ist, den du vielleicht übersehen hättest, so wäre es schlussendlich ein Flash.

Wir sind nun am Ende unseres Vokabel-Checks angekommen, und hoffen einerseits, dass er vollständigist,  und andererseits, dass er euch beim nächsten Kletter-Stammtisch hilft, noch „g’scheider“ zu sein.