Das „Wild“ in des Kaisers Namen kommt nicht von ungefähr: Viele der örtlichen Alpinklassiker verdienen dieses Attribut bis heute. Doch es hat sich viel getan seit den Tagen von Hermann Buhl und Hans Dülfer, heutzutage kann man auch entspannte Klettertage am „Koasa“ verbringen – dem Bohrhaken sei Dank!

Weltweit gibt es wohl kein vergleichbares Stück Fels, an dem ähnlich viel Klettergeschichte geschrieben wurde – der Wilde Kaiser im Tiroler Unterland hat die moderne Klettergeschichte entscheidend geprägt. Wegen der guten Erreichbarkeit zwischen den Kletterhochburgen München und Innsbruck und natürlich der idealen Felsqualität mit vielen Rissen, die zur Absicherung verwendet werden können, wurden am Wilden Kaiser oft und beständig die Grenzen des Menschenmachbaren verschoben. Die Fleischbank-Ostwand galt lange als die schwerste Wand der Alpen, mit der legendären „Pumprisse“ wurde offiziell der 7. Grad eingeführt, „Des Kaisers neue Kleider“ von Stefan Glowacz war lange die schwerste Alpintour weltweit. Viel Geschichte, wenig Wiederholungen – nur wenige Ausnahmeathleten kommen diesen Routen nahe.

Wilder Kaiser: Alpinklettern am Sonneck. Foto: Simon Schöpf | Climbers Paradise
Angekommen im Schneekar: links das Sonneck mit der „HaZo Fantastica“, Foto: Simon Schöpf

Das neu entdeckte Sonneck

Weshalb sie zwar im Führer nett und andachtsvoll zu studieren sind, in der Praxis aber sicherlich nicht massentauglich. Gut, dass die Entwicklung weiterging – zum Beispiel am lange von Kletterern nicht eines Blickes gewürdigten Sonneck (2.261 m) im Westkaiser. Bis Herbert Haselsberger die Wand 1995 aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt hat und hier mit seinen Gefährten konsequent Route um Route erschloss.

Geschenkt bekommt man am Sonneck aber natürlich dennoch nichts – gute zwei Stunden stapft man bis zum Einstieg vom Jägerwirt oberhalb von Scheffau bis ins Schneekar, dem hier die meisten Routen entspringen. Der Name kommt dann auch nicht von ungefähr, im Frühjahr liegt ihr noch lange der Firn. Sehr passend dazu auch der Name der ersten Route hier: „Schneekaridylle“ (8+), denn nichts anderes findet man hier oben.

Wilder Kaiser: Alpinklettern am Sonneck. Foto: Simon Schöpf | Climbers Paradise
In den oberen Ausstiegslängen wird’s gemütlich, Foto: Simon Schöpf

Und natürlich exzellenten Fels, der die Idylle komplettiert – am Sonneck dominieren Wasserrillen und kompakte Plattenkletterei, abgespeckte Griffe und Tritte sucht man hier vergebens. Wir haben uns für die Routenkombination aus „Delicatesse“ (7-) bis zum großen Band und die viel gelobte „HaZo Fantastica“ (8-) im oberen Teil entschieden – gut 500 Klettermeter sorgen so für einen ausgefüllten Klettertag. Nach einem steilen und kräfteraubenden Einstieg wird über den Plattenpanzer knifflige Fußtechnik gefordert, einige der Seillängen gehören zum Besten, was der an schönen Seillängen nicht arme Kaiser so hergibt.

Die Route ist gut mit Bohrhaken abgesichert, ein paar Friends für die einfacheren Längen können dennoch am Gurt baumeln. Am Sonneck-Gipfel warten dann neben dem grandiosen Rundumblick aber auch noch gute 1.300 Höhenmeter Abstieg auf die schon gequälten Beine – gut, dass man unten an einem Wasserfall vorbeikommt, der an warmen Tagen für die nötige Erfrischung sorgt. Und ganz unten wartet natürlich noch der Jägerwirt, der die verbrannten Kalorien mit großer Sicherheit wieder aufzufüllen vermag!

Wilder Kaiser: Alpinklettern am Sonneck. Foto: Simon Schöpf | Climbers Paradise
Geschafft? Am Gipfel des Sonneck warten dann noch gute 2,5 Stunden Abstieg. Erst beim Jägerwirt unten ist’s dann wirklich geschafft! Foto: Simon Schöpf

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