Great Lines in Tirol: 5 Traumrouten, ausgewählt von Kletterprofis

Sechs Kletterprofis, ein Tisch, eine Frage: Welche fünf Linien sind die schönsten in Tirol? Die Antwort sind die Great Lines – von der Chinesischen Mauer bis zu den Gneisblöcken von Niederthai.
Kletterer an der steilen Kalkwand der Chinesischen Mauer in Leutasch
Kletterer an der steilen Kalkwand der Chinesischen Mauer in Leutasch

So sind die Great Lines entstanden

Barbara Bacher, Kilian Fischhuber, Michaela Harnisch, Michael Meisl, Markus Schwaiger und Barbara Zangerl haben sich zusammengesetzt, gefachsimpelt, Erinnerungen getauscht – und sich am Ende auf eine Hitliste geeinigt.

Herausgekommen sind fünf Sportkletterrouten, vom Nösslacher Klassiker bis zur Ausdauerprüfung an der Chinesischen Mauer. Zu jeder Linie gibt es ein kurzes Video, in dem ihr seht, worauf ihr euch einlasst. Die Gebietsangaben haben wir mit den aktuellen Gebietsbeschreibungen abgeglichen.

Text: Katrin Oblasser

1. Puls 2000 (7c+): Chinesische Mauer, Leutasch

Die „Mauer“, wie die Locals sie nennen, liegt in Leutasch in der Region Seefeld, nahe der bayerischen Grenze. Der Klettergarten Chinesische Mauer & Hongkong zählt heute 183 Routen auf südseitigem Kalk, der Großteil im siebten und achten Grad – leichte Routen sind rar, und die Bewertung gilt als streng. Vom Parkplatz Puitbach/Ahrn (P13) sind es 20 bis 30 Minuten Zustieg; bitte ausschließlich diesen Parkplatz und den markierten Weg nutzen. Treffpunkt der Szene ist die Mauer vor allem im Frühling, im Herbst und an sonnigen Wintertagen.

Die Route: Puls 2000 im Sektor Dodlwand, 1992 von Zak/Walch erschlossen, ist die wohl bekannteste Linie der Mauer: sehr steile, ausdauernde Kletterei an Löchern, kleinen Untergriffen und vielen Leisten. Die schweren Stellen reißen bis zum Schluss nicht ab. Die Absicherung ist perfekt, der Weitblick über das Leutaschtal ebenso.

Was sie fordert: viel Kraftausdauer – bis zum letzten Haken.

Kletterroute Puls 2000 an der Chinesischen Mauer in Leutasch

Puls 2000 an der Chinesischen Mauer – Video: Tirol Werbung

„Die Felsqualität ist super, die Griffstrukturen einzigartig und abwechslungsreich.“

2. Another Play in Paradise: Dolomitenhütte, Lienzer Dolomiten

Vom einen Ende Tirols ans andere: Der Klettergarten Dolomitenhütte bei Tristach in Osttirol liegt auf 1.600 Metern unter den wilden Kalkzacken der Lienzer Dolomiten. Über die gebührenpflichtige Mautstraße geht es bis zum Parkplatz, von dort sind es 5 bis 20 Minuten zu den Sektoren. 129 Routen vom fünften bis zum neunten Grad warten hier, die meisten ab dem siebten. Wegen der Höhenlage sind manche Routen erst im späten Frühjahr trocken – und von November bis Februar gilt ein Kletterverbot.

Die Route:Another Play in Paradise im Sektor A (Paradies) ist lang, ausdauernd und wunderschön. Auf den athletischen unteren Teil folgt ein Rastpunkt, danach wird es technisch anspruchsvoll und nach oben hin immer ausgesetzter. Die Hakenabstände sind durchwegs angenehm.

Was sie fordert: Athletik, Ausdauer und absolute Schwindelfreiheit.

Kletterroute Another Play in Paradise nahe der Dolomitenhütte in den Lienzer Dolomiten

Another Play in Paradise an der Dolomitenhütte – Video: Tirol Werbung

„Der nach Süden ausgerichtete Wandbereich bietet freien Blick auf die imposanten Lienzer Dolomiten.“

3. Number One: Schleierwasserfall, Wilder Kaiser

Der Klettergarten Schleierwasserfall bei Going am Wilden Kaiser ist eines der großen Sportklettergebiete Österreichs: ein rund 60 Meter hoher, südseitiger Felsdom am Fuß der Maukspitze, in dessen Mitte ein Bach als Schleier in die Tiefe fällt. 226 Routen, fast alle ab dem siebten Grad, einige davon unter den härtesten Europas. Geklettert wird hier praktisch das ganze Jahr, oben in den Routen öffnet sich der Blick auf die Kitzbüheler Alpen. Für den Zustieg vom Wanderstartplatz Hüttling solltet ihr 60 bis 75 Minuten einplanen.

Die Route: Number One im Sektor Graue Wand ist eine ästhetische Linie an Löchern und Leisten in einem der kompaktesten Felsbereiche Tirols. Unten warten zwei weite Züge an großen Löchern, ganz oben für die müden Unterarme noch eine schwere Passage an kleinen Leisten.

Was sie fordert: Maximalkraft, Ausdauer und eine gute Fußtechnik.

Kletterroute Number One an der Grauen Wand am Schleierwasserfall

Number One am Schleierwasserfall – Video: Tirol Werbung

„Superkompakter Fels an einer markanten, leicht überhängenden Wand. Was will das Kletterherz mehr?“

4. Weißer Riese: Nösslach, Ötztal

Im Ötztal geht es vom Kalk auf Gneis: Der Klettergarten Nösslach bei Längenfeld liegt am Fuß einer mächtigen Wand, teils im kühlen Schatten der Fichten. 71 Routen zwischen 10 und 45 Metern, die meisten im sechsten Grad, dazu einige Mehrseillängen. Der Fels schaut nach Westen und Südwesten, der Zustieg dauert 10 bis 25 Minuten. Geparkt wird am ausgeschilderten Parkplatz an der Ötztaler Ache – nicht beim Recyclinghof und nicht bei der Kapelle.

Die Route: Der Weiße Riese, 1985 von Christoph Rimml erschlossen, ist der Klassiker von Nösslach. Ihr erkennt ihn am hellen Fels mitten in der sonst dunkelgrauen Wand, im gleichnamigen Sektor im Wald. Die Route bietet eine gute Mischung aus Henkeln, Auflegern, Leisten und kleinen Rissen.

Was sie fordert: „Klassiker sind niemals geschenkt: Technik und (Finger-)Kraft sind hier allemal gefragt“, sagt Barbara Zangerl.

Kletterer an einem Riss im Klettergarten Nösslach im Ötztal

Weißer Riese in Nösslach – Video: Tirol Werbung

„Meine Lieblingsroute in Nösslach. Es ist immer wieder ein Genuss, einzusteigen.“

5. Le Miracle: Niederthai, Ötztal

Ein Stück talauswärts liegen die Blöcke von Niederthai im Wald verstreut – Überbleibsel des gewaltigen Bergsturzes von Köfels. Risse, Verschneidungen, steile Platten und Überhänge: 140 Routen zwischen 4 und 35 Metern, vorwiegend im sechsten bis achten Grad und eher streng bewertet. Anfänger werden hier kaum fündig. Der Zustieg dauert 20 bis 45 Minuten, geparkt wird in der Kehre beim Gasthaus Wiesle oberhalb von Umhausen.

Die Route:Le Miracle im Sektor Minas Tirith und Glatteis wurde 1993 von Matthias Burtscher erschlossen und ist fast schon Pflicht bei einem Besuch in Niederthai. Nach einem Aufsteher geht es mit ein paar pumpigen Zügen an Leisten los, dann folgt eine gute Rast. Vor der Schlüsselstelle lohnt es sich, genau zu planen, welche Hand wo in den Riss muss. Danach wartet der breitere Riss – mit Ausdauer und dosierter Kraft reiner Genuss.

Was sie fordert: eine große Liebe zum Rissklettern, Technik und Maximalkraft.

Kletterer im Riss der Route Le Miracle in Niederthai

Le Miracle in Niederthai – Video: Tirol Werbung

„Wenn man unter dem Block steht, sticht einem der markante Riss sofort ins Auge und man denkt sich nur: Diese Linie muss ich klettern.“

Die Klettergärten der Great Lines

Diese Artikel könnten dich auch interessieren