Wilder Kaiser: Plaisir, Sportklettern und Klettergärten unter den Kaiserwänden

Wo einst Dülfer und Rebitsch Klettergeschichte schrieben, finden heute Sport-, Plaisir- und Alpinkletterer ihr Revier: vom Schleierwasserfall mit Routen bis in den neunten Grad bis zum Familienfelsen am Kaiserklettergarten.
Kletterer in einer steilen Kalkwand an der Karlsspitze im Wilden Kaiser
Kletterer in einer steilen Kalkwand an der Karlsspitze im Wilden Kaiser

Ein Gebirge wie gemalt

Markante Zacken, Nadeln und Zinnen, aufgereiht wie eine halbe Krone: Seit gut 200 Jahren zieht das Kaisergebirge Kletterer an wie kaum ein anderes Gebirge Europas.

Pioniere wie Hans Dülfer und Mathias „Hias“ Rebitsch haben hier Klettergeschichte geschrieben – etwa mit der Fleischbank-Ostwand oder dem Rebitschriss am Fleischbankpfeiler. Diese Geschichte erzählen wir ausführlich in Wilder Kaiser – Tradition verpflichtet.

Hier geht es um das, was danach kam: Sportklettergärten der Extraklasse, Plaisirrouten durch die großen Wände und Felsen, an denen schon Kinder ihre ersten Vorstiege wagen.

Text: Susa Schreiner

Neue Kletterära: Plaisir und der Schleierwasserfall

In den 1990er-Jahren läutete Stefan Glowacz im Kaiser die Ära der Plaisirrouten ein. Mit „Des Kaisers neue Kleider“ (8b+) am Fleischbankpfeiler setzte er ein Ausrufezeichen. Bis heute finden ortskundige „Koasakraxler“ neue Linien.

Parallel entwickelte sich der Klettergarten Schleierwasserfall bei Going zu einem Sportklettergebiet von Weltrang. Am Fuß der Maukspitze fällt ein Gebirgsbach in der Mitte eines gut 60 Meter hohen Felsdoms als Schleier in die Tiefe. Die Wand liegt nach Süden, die großen Überhänge machen den „Schleier“ fast das ganze Jahr kletterbar.

  • Routen: 226, 10 bis 55 Meter lang
  • Schwierigkeit: vom fünften bis in den neunten Grad – 87 Routen im achten und 6 im neunten französischen Grad
  • Zustieg: 60 bis 75 Minuten
Klettern am Schleierwasserfall bei Going im Wilden Kaiser

Kaiserlich klettern für alle

Genusskletterer finden im Wilden Kaiser eine riesige Auswahl an moderaten Plaisirrouten und alpinen Sportkletterrouten – durch die legendären Wände von Totenkirchl, Fleischbank, Predigtstuhl und vielen weiteren Zapfen, Nadeln und Pfeilern. Climbers Paradise stellt exemplarisch sechs Mehrseillängengebiete vor, zum Beispiel die Multerkarwand. Die alpinen Klassiker und viele weitere Routen stehen im Kletterführer „Alpin Wilder Kaiser“ (Panico Alpinverlag).

Kletterer in einer grauen Kalkplatte im Wilden Kaiser

Klettergärten für jedes Niveau

  • Klettergarten Achleiten, Söll: über 190 Routen in fünf Sektoren an der „Fiaggnwand“, vom dritten Grad bis 9a+. Eine Top-Adresse zu jeder Jahreszeit – an heißen Sommertagen aber erst am Abend. Klassische Routen haben oft weitere Hakenabstände. Zustieg 30 bis 40 Minuten.
  • Klettergarten Wilderer Kanzel, Ellmau: 34 Routen bis 25 Meter zwischen Kleinem Törl und Bergsteigergrab, vom Übungsfelsen bis 8a+ – mit Blick auf Ellmauer Halt, Treffauer und Alpenhauptkamm. Achtung: Die Standplätze haben keine Umlenkkarabiner, sicheres Umfädeln ist Pflicht. Zustieg 60 bis 90 Minuten.
  • Kaiserklettergarten, Ellmau: Gams- und Murmeltierfelsen mit 19 kurzen Routen (8 bis 15 Meter), die meisten im dritten bis fünften Grad. Ideal für Kinder und Einsteiger, um Technik und Sichern zu üben und erste Vorstiege zu wagen. Rund 15 Minuten von der Gaudeamushütte.
Felsen der Wilderer Kanzel mit Hinweisschild
Kletterer am Wandfuß des Murmeltierfelsens im Kaiserklettergarten
Kind klettert mit Helm an einer Kalkwand im Wilden Kaiser

Hütten-Dreieck: Grutten, Gaudeamus, Wochenbrunn

Die Energiespeicher füllen Kletterer im „Hütten-Bermudadreieck“ auf der Südseite des Kaisers wieder auf:

  • Gruttenhütte: Alpenvereinshütte, die wie ein Adlerhorst auf einem Plateau über den Westhängen des Gruttenkopfs steht.
  • Gaudeamushütte: Alpenvereinshütte mit Sonnenterrasse und Talblick, 15 Minuten vom Kaiserklettergarten entfernt.
  • Wochenbrunner Alm: Ausgangspunkt für Wanderer, Kletterer und Klettersteiggeher, mit großer Terrasse. Keine Übernachtung.
Nebelschwaden über bewaldeten Hängen bei der Gruttenhütte

Nachgefragt bei Marcus Sappl

Marcus Sappl ist begeisterter Kaiser-Kletterer. 2018 war er Tourismusmanager in Scheffau und hat uns drei Fragen beantwortet.

Was macht das Klettern im Wilden Kaiser einzigartig?

Die Lage: gut mit Auto, Bahn oder wie früher mit dem Fahrrad erreichbar. Je nach Wetter kannst du Nord- oder Südwände wählen. Es gibt für jeden Geschmack etwas, vom Dreier oder Vierer bis zum zehnten Grad – und Absicherung von Plaisir bis fast ganz ohne Haken.

Warum sollte jeder Kletterer einmal im Wilden Kaiser geklettert sein?

Der harte, strukturierte Wettersteinkalk gibt dir ein unglaubliches Erlebnis zurück, wenn du dich auf seine Besonderheiten einlässt. 1977 wurden hier mit den Pumprissen die erste Tour im siebten Grad erstbegangen und damit die UIAA-Skala nach oben geöffnet. Darum sollte jeder Alpinkletterer einen Klassiker oder eine Plaisirtour aus dem Kaiser im Tourenbuch haben.

Wie sieht dein perfekter Kaiser-Klettertag aus?

Mit einem guten Freund an nahezu perfektem Fels und bei nervenschonender Absicherung unterwegs sein. Danach auf einer Hütte das Tourenabschlussbier genießen und mit Gleichgesinnten über die gerade gekletterten Meter philosophieren.

„Die Besten jeder Epoche des Kletterns haben ihre Spuren im Koasa hinterlassen.“

Auf einen Blick

  • Beste Zeit: je nach Schneelage und Vorhaben von April/Mai bis Oktober/November; der Schleierwasserfall und Achleiten gehen oft auch im Winter.
  • Anreise mit der Bahn: bis Kufstein, Wörgl oder St. Johann in Tirol, weiter mit dem Bus. Vor Ort verbindet der Kaiser-Jet die Orte und Talstationen.
  • Anreise mit dem Auto: aus Deutschland über die A8 und A93 bis zur Ausfahrt Kufstein Süd oder über die A12 aus Richtung Innsbruck.
  • Zur Wochenbrunner Alm: Mautstraße ab Ellmau; im Sommer fährt zusätzlich ein Kleinbus.
  • Ruhetag: Wandern, der Badesee in Going, der Hintersteiner See oder die Erlebniswelten Hexenwasser und Ellmis Zauberwelt für Kinder.

Aktuelle Infos zu Unterkünften, Bussen und Bergbahnen gibt es unter wilderkaiser.info.

Die Klettergärten aus diesem Artikel

  • Klettergarten Schleierwasserfall

    Schwierigkeit:Schwierigkeit: 5 - 9Ort:Going am Wilden Kaiser / Wilder KaiserRouten:226 Routen
  • Klettergarten Achleiten

    Schwierigkeit:Schwierigkeit: 3 - 9Ort:Söll / Wilder KaiserRouten:191 Routen
  • Klettergarten Wilderer Kanzel

    Schwierigkeit:Schwierigkeit: 3 - 8Ort:Ellmau / Wilder KaiserRouten:34 Routen
  • Kaiserklettergarten

    Schwierigkeit:Schwierigkeit: 3 - 7Ort:Ellmau / Wilder KaiserRouten:19 Routen

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