Nordwandgully am Lüsener Fernerkogel: Mixed-Abenteuer im Sellraintal

Eis, Mixed und ein langer Tag: Der Nordwandgully am Lüsener Fernerkogel im Sellraintal verlangt gute Kondition, alpinistisches Können und sichere Verhältnisse – und ist perfekte Vorbereitung für größere Touren.
Eine Person klettert in einer steilen Eiswand
Eine Person klettert in einer steilen Eiswand

Vom Skitourengipfel zur Nordwand

Der Lüsener Fernerkogel ist vielen als lange Skitour auf einen der schönsten Gipfel der Sellrainer Berge bekannt. Seine Nordwand ist eine andere Geschichte: Im Nordwandgully warten Eis- und Mixedkletterei.

Die Linie wurde im November 2016 von Simon Messner und Philipp Brugger erstbegangen und wird mit WI4+ und M7 bewertet. Vom Parkplatz Lüsens bis zum 3.298 Meter hohen Gipfel sind es rund 1.650 Höhenmeter; je nach Verhältnissen solltet ihr etwa zwölf Stunden einplanen – die kalten Nächte laden nicht zum Notbiwak ein. Mehr Eisklettergebiete in der Nähe: 5 Eisfälle im Sellraintal und im Ötztal.

Text: Thomas Wanner

Start um 4 Uhr: der Zustieg

Los geht es früh von Lüsens. Schon der flache, oft vollständig vereiste Weg bis zur Abzweigung verlangt Aufmerksamkeit – Steigeisen wären hier manchmal von Vorteil. Nach der Alm geht es Richtung Westfalenhaus und dann links über mühsames Blockgelände zum Einstieg. Knapp drei Stunden vergehen, bis man sich für den anspruchsvolleren Teil bereit macht.

Wichtig: Der Zustieg führt über steile, nordseitige Hänge. Die Tour ist nur bei sicherer Lawinenlage vertretbar – Lawinenlagebericht und Verhältnisse gehören zur Planung, ebenso die komplette Notfallausrüstung. Beste Zeit sind die Monate von Dezember bis März.

Die Schlüsselseillänge: Quergang auf glatter Platte

Im Eisgully geht es Seillänge um Seillänge recht flott nach oben, bis die Schlüssellänge kommt: knapp 30 Meter, zwei fixe Sicherungspunkte – der Rest muss mobil gelegt werden. Nach den ersten Metern im Mixedgelände folgt ein Quergang, auf dessen glatter Platte die Steigeisen kaum Halt finden. Hier heißt es, die Pickel exakt zu verankern und die nächsten Hooks genau anzuvisieren; zwischen den Haken finden sich Plätze für Friends.

Achtung: Ein Sturz im Quergang vor der nächsten Sicherung ist heikel – und auch die Nachsteigerin oder der Nachsteiger muss in diesem Gelände sicher unterwegs sein, sonst pendelt es in die andere Richtung. Nach einer weiteren Länge kann das Seil weg, über steile Schneefelder geht es zum Nordgrat und weiter zum Gipfel.

Kletterer mit Eispickel in einer steilen Eiswand

Abstieg, Ausrüstung und Fazit

Am Gipfel bläst meist kalter Wind, lange bleibt hier niemand. Abgestiegen wird über die Skiroute, dafür braucht es weitere rund drei Stunden. Unterschätzt diesen Teil nicht: Immer wieder sind steile Eisfelder und unangenehmes Blockwerk mit wenig Schneeauflage zu überwinden. Viele Seilschaften seilen nach den Hauptschwierigkeiten ab – eine Option, die sich vor allem anbietet, wenn es zeitlich eng wird. Wer durchsteigt, bekommt das Gesamterlebnis in einem der schönsten Winkel Tirols.

Die Tour in Zahlen (nach der Tourenbeschreibung auf alpenvereinaktiv.com):

  • Schwierigkeit: WI4+ und M7
  • Kletterlänge: rund 280 Meter, etwa 6 Seillängen
  • Höhenmeter: rund 1.650, Gipfel 3.298 Meter
  • Zeitbedarf: etwa 12 Stunden, davon 3 Stunden Zustieg und 3 Stunden Abstieg
  • Ausrüstung: zwei 60-Meter-Seile, Eisschrauben, Friends und Haken, rund 8 Expressschlingen
  • Beste Zeit: Dezember bis März

Alles in allem eine tolle Tour, um sich auf größere Unternehmungen in den Westalpen vorzubereiten. Bei passenden Verhältnissen ist sogar eine Begehung mit Ski am Rucksack denkbar. Was bei Lawinengefahr zu beachten ist, steht in Eisklettern: Gefahrenquelle Lawine.

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