Die „Isele-Methode" zur Behandlung von Fingerbeschwerden hat Sportlerinnen und Sportler aller Leistungsklassen zu ihm geführt – vom blutigen Anfänger, der zu motiviert am Fingerbrett hing, bis zu Profis wie Anna Stöhr oder Adam Ondra.
Vor allem Letzterer hat Klaus Isele zu seinem persönlichen Physio-Guru ernannt – und zu mehr als das: Der Vorarlberger hat einen wichtigen Beitrag zur Realisierung von Ondras Masterpiece „Silence" (9c) in Flatanger geleistet. Die bis dahin schwerste Route der Welt konnte nur gelingen, weil die beiden Ondras Bewegungsrepertoire nicht nur perfektioniert, sondern bis an die Grenzen des Möglichen ausgelotet hatten.
Interview: Martina Scheichl
Adam Ondra ist eines der vielseitigsten Klettertalente weltweit. Auf welche Weise konntest du einem Kletterer, der seine Fähigkeiten so perfektioniert hat, überhaupt noch helfen?
Klaus Isele:Jemand, der eine Sportart auf so hohem Niveau betreibt wie Adam, hat ein sehr ausgeprägtes Wissen darüber, was er kann – vor allem aber auch, was nicht. Adam konnte mir im Vorfeld sehr genau sagen, was er brauchte und woran er arbeiten wollte. Bei „Silence" betraf das vor allem Bewegungen, die aufgrund seiner Gelenkradien nicht möglich waren: Er hatte die Vorstellung einer Bewegung, die sich aber nicht realisieren ließ. Ich habe ihm Alternativen vorgeschlagen, um die Unmöglichkeit seiner Idee möglich zu machen. Dazu muss man Anatomie und Physiologie kennen – vor allem aber muss man einen Athleten einschätzen können.
Wie wichtig ist die Prävention für Fingerverletzungen beim Klettern?
Klaus Isele:Für Kletterer sind Fingerverletzungen etwas vom Schlimmsten – und dennoch mangelt es an gängigen Therapiemethoden und Publikationen dazu, was man präventiv wie rehabilitativ tun kann. Kletterpause ist immer noch eine der gängigsten Maßnahmen und gleichzeitig die unliebsamste. Dass dadurch nicht nur das Klettern wegfällt, sondern unter Umständen ein ganzes soziales Netzwerk wegbricht, können manche Ärzte oder kletterunwissende Therapeuten vielleicht nicht nachvollziehen. Es ist ja „nur ein Finger".
Die „Isele-Methode" hat sich bereits einen Namen gemacht. Wie funktioniert sie?
Klaus Isele:Sie beruht auf klassischen manuell-therapeutischen Anwendungen, die sich an Elementen der Osteopathie und der Physiotherapie orientieren. Das Besondere ist eher die Art und Weise, standardisierte und dennoch individuelle Bedingungen zu schaffen: einerseits, um die Schmerzpunkte zu lokalisieren, andererseits, um den Therapieerfolg schnell messbar zu machen. Man kann optimal auf den einzelnen Patienten eingehen – jeder Schmerz und jede Verletzung ist individuell – und erkennt schon innerhalb einer Sitzung Verbesserungen. Für Patienten ist das ein enormer Vorteil, weil man häufig übervorsichtige Diagnosen bekommt, die auf einer wenig belastbaren Beschwerdebeschreibung beruhen.
Man ist erst wieder gesund, wenn man nicht mehr an die Verletzung denkt.
Klaus Isele:Richtig. Im Moment entwickelt sich gerade eine Physiotherapeuten-Community, die sich die Methodik aneignen und sie anwenden will. Zudem steht eine weitere wissenschaftliche Arbeit an, um die Wirksamkeit zu belegen. Diese Entwicklungen sind eine große Ehre für mich.
Hängt das große Interesse auch damit zusammen, dass immer mehr Leute klettern – und es damit mehr Kunden für Therapeuten gibt?
Klaus Isele:Für den Breitensport ergeben sich einige Tendenzen. Klettern boomt sehr. Aber etwa 80 Prozent der Hallen bieten Bouldern an, nur etwa 20 Prozent Sportklettern – dieser Trend ist in Amerika, Europa und Asien überall ähnlich. Damit einhergehend gibt es insgesamt viel mehr Verletzungen, weil Bouldern aufgrund höherer Intensitäten weit belastender für den Körper ist. Natürlich nicht nur an den Fingern.
Hat der neue Wettkampfmodus Einfluss auf das Verletzungsprofil genommen?
Klaus Isele:Im Wettkampfbereich bedingen eher Erschöpfungszustände unterschiedliche Verletzungen. Der olympische Modus trägt dazu bei, dass sich die Spreu noch mehr vom Weizen trennt – denn es geht darum, wer das hohe Trainingsvolumen überhaupt noch verarbeitet. Das paart sich mit einer Nährstoffunterversorgung, weil ein geringes Körpergewicht klar von Vorteil ist. Eine gefährliche Kombination.
Du hast einen YouTube-Vlog: „How to feel good as a climber". Was ist das Konzept dahinter?
Klaus Isele:In dem Vlog stelle ich gängige Verletzungen vor: wie sie entstehen und wie man sich davor schützen kann. Ziel ist, dass jede und jeder sich selbst präventiv zu helfen weiß. Wer seinen Körper versteht und kleine Schmerzen zu deuten weiß, kann geeignete Maßnahmen setzen, um sie langfristig zu vermeiden.
Was empfiehlst du, um verletzungsfrei zu bleiben?
Klaus Isele:Eigentlich ist es sehr simpel: Man soll sich vor allem nicht von der Gruppendynamik mitreißen lassen – wer was wann wie oft tut. Das Allerwichtigste ist, Bewusstsein für den eigenen Körper zu schaffen und auf sich zu hören. Kleine Schmerzen muss man früh genug ernst nehmen.
„Wer früher und somit schlauer reagiert, ist der, der länger und mehr klettert im Jahr.“
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