Und du so, Anna Stöhr?

Nach 14 Jahren Wettkampf hat sich der mediale Wirbel um die Tirolerin beruhigt. Ruhiger angehen lässt sie es deshalb nicht.
Porträt der Kletterin Anna Stöhr
Porträt der Kletterin Anna Stöhr

Ein Wettkampf-Aus ist kein Kletter-Aus

Anna Stöhr hat kurz vor der Heim-WM in Innsbruck ihre Wettkampfkarriere beendet – eine Entscheidung ihrer Gesundheit zuliebe.

Wehmut war ihr trotzdem anzusehen, als sie die Nachricht öffentlich machte. Wen überrascht das auch? Schließlich war die Tirolerin die erfolgreichste Wettkampf-Boulderin ihrer Zeit.

Glücklicherweise heißt ein Wettkampf-Aus im Klettern noch lange nicht, dass man sich vom Sport verabschiedet – ganz im Gegenteil. Wir haben uns mit ihr getroffen und über ihren neuen Kletter-Lifestyle gesprochen.

Interview: Martina Scheichl

Porträt der Kletterin Anna Stöhr

„Bouldern ist Gift für meine Bandscheiben"

Im Februar 2018 hast du dich an den Bandscheiben verletzt. Knapp danach hast du dein Wettkampf-Aus angekündigt. Bereust du die Entscheidung manchmal?

Anna Stöhr:Eigentlich bereue ich sie nicht. Ich habe auch vor meiner Verletzung schon darüber nachgedacht, die Karriere zu beenden. Dass der Unfall dem zuvorkam, hat den Prozess lediglich beschleunigt – die Entscheidung war klar und rational: Wenn ich noch lange klettern möchte, was der Fall ist, muss ich aufhören mit dem Bouldern. Diese Disziplin ist Gift für meine Bandscheiben.

Anna Stöhr:Seit meiner Verletzung hat sich das Bouldern für mich auch sehr verändert. Vor allem im Wettkampf macht man oft Bewegungen am äußersten Limit. Riskante Züge auf hoher Höhe oder das Abspringen vom Top hält mein Rücken einfach nicht mehr aus. Die Wettkämpfe gehen mir natürlich ab – vor allem wegen der Menschen, die man dabei immer wieder trifft. Auch das Gefühl, im Finale zu stehen, vermisse ich, das war schon was ganz Besonderes. Aber nach 14 Jahren musste ich unter dieses Kapitel einen Haken machen, und das ist auch in Ordnung.

Anna Stöhr bei einem Boulder-Wettkampf

Vom Boulderblock an die Mehrseillänge

Zurzeit bist du viel mit Seil unterwegs – nicht nur Sportklettern, auch in den Mehrseillängen von Aiglun in Frankreich oder an der Roten Wand in Vorarlberg hast du dein Chalk gelassen. Ist das Sportklettern, vielleicht sogar das alpine Sportklettern, deine „wahre" Passion?

Anna Stöhr:Jede Disziplin verlangt ganz unterschiedliche Fähigkeiten. Das alpine Sportklettern zum Beispiel ist auf einer ganz anderen, für mich neuen Ebene anspruchsvoll. Hier spielt viel mehr Nervenkitzel mit – es kommt eine andere Dimension dazu, wenn man meterweit über der letzten Absicherung steht.

Anna Stöhr:Dass mein Mehrseillängen-Projekt „Ali Baba" (8a+) in Aiglun so gut aufging, freut mich total. Trotzdem bin ich noch lange keine Babsi Zangerl, die scheinbar ganz furchtlos über den Haken steht. Mich hat Ali Baba unglaublich gefordert, und ich habe bis zuletzt nicht gewusst, ob ich das Projekt realisieren kann. Ich werde mich also nicht auf diese Disziplin versteifen – aber bestimmt noch einige Male in alpinen Gegenden klettern gehen.

„Meine Passion ist das Klettern mit all seinen Spielarten. Gerade diese Vielseitigkeit hat mich schon immer hingezogen – es wird einfach nicht langweilig.“

Anna Stöhr klettert eine Mehrseillängenroute

Trainieren ohne Plan

„Ali Baba" ist ein anhaltendes Ausdauerprojekt mit vielen schweren Seillängen. Trainierst du jetzt, ohne Wettkämpfe, noch nach Plan?

Anna Stöhr:Nein! Ich geh einfach sehr viel raus und klettere. Da ich aber jahrelang nach Plan trainiert habe, weiß ich ziemlich genau, was ich brauche und wo ich aufbauen muss. Ich mach zwar keine Bauchübungen mehr und häng mich nicht ans Campusboard – aber ich spüre, wo etwas fehlt, und kann das gezielt kompensieren.

Anna Stöhr klettert im Fels

Ziele, Zukunft und ein zweites Standbein

Welche Ziele hast du im Klettern und Bouldern?

Anna Stöhr:Im Moment ist mein einziges konkretes Ziel, ganz viel zu klettern. Projekte ergeben sich sowieso von selbst. Ich möchte mich nicht auf eine Route festlegen, sondern viel reisen und am Felsen unterwegs sein.

Im Rahmen deines Lehramtsstudiums hast du als Lehrerin gearbeitet. Denkst du, dass du dorthin zurückkehrst – oder gibt es andere berufliche Wünsche neben dem Kletterprofi-Dasein?

Anna Stöhr:Das Unterrichten im Rahmen des Unterrichtspraktikums war für mich eine große Herausforderung und sehr spannend. In einem „richtigen" Job tätig zu sein, ist natürlich ganz anders als die Arbeit einer Profisportlerin. Als Athletin vom Klettersport zu leben, wird früher oder später ein Ende haben. Ein festes Standbein zu haben, gibt mir sehr viel Ruhe und lässt mich noch mehr im Moment leben – beziehungsweise klettern. Ich wertschätze es sehr, dass ich mich in dieser privilegierten Situation befinde und das Klettern so genießen kann.

Vielen Dank für das Gespräch, Anna.

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