Norwegen mit seinen Fjorden, Kanada mit seinen Nationalparks, dazu der Gardasee als Dauerbrenner im Kletterkalender – die großen Reisepläne haben wir alle schon im Kopf gehabt.
Manchmal lohnt es aber, die Karte kleiner zu falten und die eigene Heimat zu erkunden. Wer das tut, wundert sich oft, was direkt vor der Haustür zu entdecken ist. Den Anfang macht die Ferienregion Imst.
Text: Susa Schreiner
Klettermetropole, Brunnenstadt und Weinanbaugebiet: Imst hat für die unterschiedlichsten Interessen etwas zu bieten. Die Stadt ist die Heimat der ersten Tiroler Winzerin Alexandra Flür und der vierfachen Kletterweltmeisterin Angy Eiter.
Hand aufs Herz: Die meisten kennen Imst vom Durchfahren, genauer gesagt vom Vorbeifahren. Einmal verweilen? Selten. Wer die Vorzüge der etwas verschlafen wirkenden Bezirkshauptstadt samt ihren acht Gemeinden aber einmal zu schätzen gelernt hat, kommt wieder.
Übrigens: Gleich 20 Brunnen gibt es in Imst, viele davon aus dem 18. Jahrhundert, verteilt auf Ober- und Unterstadt – allesamt Trinkwasserquellen. An heißen Sommertagen ist es ein Vergnügen, von Brunnen zu Brunnen zu schlendern, dem plätschernden Wasser zu lauschen und die Arme im Trog abzukühlen.
Gerade für Kletterer entpuppt sich Imst als echter Hotspot: Von hier aus lassen sich sternförmig grandiose Gebiete ansteuern, die für fast jeden Anspruch etwas bieten.
Insgesamt stehen 17 Sportklettergärten zur Wahl – von leicht bis hart, von citynah bis hoch über dem Tal.
Zum Klettern eignet sich die Rote Wand – ein mächtiges Felsmassiv mit sieben Sektoren und über 150 Sportkletterrouten. Sie liegt in Karres, einer Gemeinde nur einen Steinwurf von Imst entfernt.
Für Frankreich-Gefühl empfiehlt sich das kleine Klettergebiet Petit Verdon, ebenfalls in Karres. Wie an der großen Schlucht muss man sich hier zum Klettern abseilen. Dafür eröffnet sich eine traumhafte Landschaft mit Aussicht auf den Inn.
Ein Traum-Kletterrevier eröffnet sich rund um die Muttekopfhütte auf gut 2.000 Metern oberhalb von Imst. Zur Hütte geht es entweder mit der Bahn oder by fair means zu Fuß – oder als Kombination aus Bike and Hike.
Je nach Anmarsch steht man in 30 bis 70 Minuten auf der Hüttenterrasse. Erst die Aussicht würdigen, dann die Qual der Wahl: Wenn es richtig warm ist, startet man am Muttekopf-Klettergarten oberhalb der Hütte – ab dem späten Vormittag gibt es dort Schatten und meist eine laue Brise.
An nicht so heißen Tagen geht es an die Ostwand des Guggerköpfle. Für Lochkletter-Fetischisten ein Ort der Glückseligkeit – die Routen sind vom Feinsten.
Und weil lange Sommertage dafür gemacht sind, das Leben in vollen Zügen zu genießen: Den Sundowner auf der Muttekopfhütte sollte man sich nicht entgehen lassen. Ein Panzanella, also ein italienischer Brotsalat, dazu ein Glas spritziger Weißwein – fertig ist der italienische Moment in den Tiroler Bergen.
Klettertage rund um die Muttekopfhütte sind etwas Besonderes. Auch Angy Eiter pilgert regelmäßig herauf, um bei ein paar Touren den Kopf frei zu bekommen.
Für Weinliebhaber ist ein Besuch in Tarrenz bei der ersten Tiroler Winzerin Alexandra Flür ein schöner Abschluss eines besonderen Klettertages. Ihre Weißweine – Chardonnay, Müller-Thurgau, Solaris – sind längst über die Tiroler Grenzen hinaus bekannt und bei Weinkennern geschätzt. Die Weinbäuerin erzählt ihre Geschichte genauso spritzig und süffig, wie ihre Weine im Glas sind. Die Jause zur Weinverkostung ist ein Gedicht.
Die gelernte Friseurin hat an den Weinbau in Tirol geglaubt; ein einzelner Rebstock auf dem Bauernhof brachte die Idee ins Rollen. Mittlerweile ist sie Vollblut-Winzerin und Sommelière – Letzteres vor allem wegen der Skeptiker, die es nach wie vor gibt. Flür hat nicht nur ihre Familie vom Weinbau überzeugt, sondern ihre Heimatgemeinde Tarrenz zu einem Hotspot des Nordtiroler Weinbaus gemacht.
Wen wegen der Genüsse im Flürschen Weinkeller das schlechte Gewissen plagt, der zieht vorher in Tarrenz an der Knappenwelt ein paar kurze, knackige Routen. Sieben an der Zahl gibt es dort, mit 12 Metern eher kurz, dafür durchaus anspruchsvoll: Neben einigen Projekten geht es bei 6c+ los und endet bei 7b. Danach braucht es unbedingt ein Speckbrot samt einem Glaserl.
Imst zählte im 14. und 15. Jahrhundert zu den Bergbaumetropolen. Vor allem nach Blei wurde gesucht, das Gestein per Feuersetz-Methode abgetragen – dabei entstand unter anderem die „Blaue Grotte" am Anfang der Rosengartenschlucht. Die Schlucht ist ein Canyon mitten in der Stadt; das Wasser fällt in vielen Abschnitten pompös hinunter nach Imst. Der Weg am Wasser ist an heißen Sommertagen ein angenehmer Spaziergang mit schönen Aussichtspunkten – unter anderem auf den höchsten Kirchturm Tirols, im Mittelalter als Zeichen von Wohlstand und Frömmigkeit errichtet.
Wer sich einen ganz gemütlichen Tag machen will, ist im Kletter- und Bouldergebiet Reithle richtig. Tief im Wald verstreut liegen die Felsbrocken zum Bouldern und Klettern, dazwischen laden Lichtungen zum Nickerchen oder Picknick ein.
Erreichbar ist das Gebiet bequem über den sogenannten Opferstockweg von der Obermarkter Alm aus. Der Wegname stammt aus einer Legende: Auf dem Weg liegt der recht bedrohlich wirkende Felsblock Sprisselstein. Seit jeher fürchten die Imster, er könnte vornüberkippen und sich einen zerstörerischen Weg ins Tal bahnen. Um das zu verhindern, wird am Marterl nebenan ein Stoßgebet gen Himmel geschickt – und der Block zusätzlich mit kleinen Zweigen gestützt.
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