Konzentration beim Klettern: 4 Fokus-Ebenen und 5 Übungen

Wer gut klettern will, muss sich konzentrieren können – und das lässt sich lernen. Eine Sportpsychologin erklärt, worauf es ankommt, und zwei Wettkampfkletterinnen verraten ihre Routinen.
Person mit Helm blickt konzentriert zum nächsten Griff
Person mit Helm blickt konzentriert zum nächsten Griff

Kaffee mit der rosa Feldhasennilpferdmaus

Regelmäßig ertappe ich mich dabei, wie meine Gedanken abschweifen: Ich hüpfe mit den Umpa-Lumpas durch die Schokoladenfabrik oder trinke Kaffee mit einer kleinen, rosa Feldhasennilpferdmaus mit rotem Hut – bis die drei magischen Worte fallen: „Martina, konzentrier dich!“

Beim Klettern kommentiere ich lieber die Gespräche meiner Partner, statt mich auf den nächsten Zug zu fokussieren. Und statt noch einen Klimmzug zu machen, lasse ich lachend einen früher los. So verbissen muss man ja nicht sein, oder?

Stimmt – mit Verbissenheit hat Konzentration wenig zu tun. Trotzdem gilt: Wer einen Boulder im ersten Versuch klettern, sich die Beta einer Route merken oder beim Auschecken von Einzelzügen Kraft sparen will, muss sich fokussieren können. Für Menschen wie mich gibt es Menschen wie Madeleine Eppensteiner. Die Sportpsychologin trainiert regelmäßig mental mit Athletinnen und Athleten, vor allem aus dem Klettersport. Ihre Botschaft: Fokus bringt dich weiter – im Training, im Projekt und im Wettkampf. Aber er muss gelernt werden.

Text: Martina Scheichl

Der Fokus als Scheinwerfer: vier Ebenen

Stell dir deinen Fokus als Scheinwerfer vor, der je nach Situation auf eine von vier Ebenen gerichtet ist:

  • Außen-weit: Der Scheinwerfer leuchtet die Umgebung aus – vieles ist beleuchtet, nichts im Detail. Du erfasst die Situation als Ganzes, wie ein Panoramabild. Typisch in einer neuen Halle, an einer Wettkampfstätte oder in einem unbekannten Gebiet.
  • Außen-eng: Der Lichtkegel liegt auf einem einzigen Ding – der Route vor dir oder dem nächsten Zug. Es gibt nur noch die Route und dich.
  • Innen-weit: Du nimmst dein Befinden wahr. Fühle ich mich fit oder schlapp? Wer das weiß, kann sich gezielt positiv einstellen oder sich mit Übungen aktivieren – besonders wichtig kurz vor dem Start.
  • Innen-eng: Der Fokus liegt auf der Atmung oder auf einzelnen Gedanken. Hier lässt sich negativen Emotionen gezielt entgegensteuern: Wer vor dem Einsteigen verunsichert ist, spricht sich Mut zu oder malt sich aus, was passiert, wenn die Situation gelingt.

Welche Ebene ist die richtige?

Keine ist besser oder schlechter – die meisten Situationen sind zu komplex für nur eine Ebene. Entscheidend ist, wohin du den Scheinwerfer im jeweiligen Moment richtest: Mal braucht der schwere Einzelzug die volle Aufmerksamkeit, mal ist es wichtiger, auf Gefahren wie Steinschlag zu achten.

Meist wechselt der Fokus schnell. Beim Bouldern springt die Wahrnehmung zwischen den nächsten Zügen, äußeren Faktoren wie der Zeitmessung im Wettkampf und der Frage, ob du schon erholt genug für den nächsten Versuch bist. Alle Ebenen sind wichtig – entscheidend ist das schnelle Umschalten.

5 Übungen für mehr Konzentration

  1. Mit Störfaktoren umgehen: Baue Ablenkung bewusst ins Training ein – laute Musik oder jemand, der dich von hinten anredet.
  2. Mit dir selbst reden: Lenke deine Aufmerksamkeit mit Selbstinstruktionen auf positive Gedanken oder konkrete Handlungen. Das geht auch still im Kopf. Wichtig: positiv formulieren, Zweifel und Grübeleien ausblenden.
  3. Nur die nächste Sache: Richte den Fokus auf das nächste Wichtige, nicht auf das Übernächste. Gestern und morgen sind egal – es zählt das Hier und Jetzt.
  4. Neutral bewerten: Beurteile Situationen nicht als gut oder schlecht, sondern möglichst sachlich.
  5. Achtsamkeit üben: Achtsames Gehen, bei dem du jeden Schritt bewusst setzt, oder Atemzüge zählen wirken sich positiv auf die Konzentration aus.

Übrigens: Der Satz „Konzentrier dich einfach!“ – gern von Trainern oder Lehrern verwendet – hilft wenig, weil er nicht sagt, worauf man sich konzentrieren soll. Und Konzentration ist begrenzt, etwa auf die Länge eines Routendurchstiegs. Danach ist das „Konzentrationssäckchen“ erst einmal leer – Zeit für einen Kaffee mit der Feldhasennilpferdmaus. Sei also nicht zu streng mit dir.

Man kann lernen, sich auf verschiedene Arten zu konzentrieren, Strategien dafür entwickeln und schneller zwischen den Ebenen wechseln. Am besten legst du dir Routinen zu, übst sie im Training und wendest sie an, wenn es darauf ankommt. Das heißt nicht, immer konzentriert sein zu müssen – sondern es zu können, wenn es zählt.

Danke an Sportpsychologin Madeleine Eppensteiner für diese Tipps. Mehr zu sportpsychologischen Themen gibt es auf ihrer Website climbingpsychology.com.

„Konzentration kann man trainieren!“

Porträt der Sportpsychologin Madeleine Eppensteiner

So fokussieren sich Wettkampfkletterinnen

Zwei österreichische Wettkampfkletterinnen haben uns 2018 verraten, wie sie sich unmittelbar vor dem Start vorbereiten.

Hannah Schubert: „Bestimmte Rituale habe ich nicht. Wenn ich länger in der Isozone bin, versuche ich mich abzulenken und nicht zu viel an den Wettkampf zu denken. Wenn mein Start näher rückt, fokussiere ich mich und lasse nur positive Gedanken zu. Ich denke an Wettkämpfe, die gut gelaufen sind, und rede mir Mut zu: ‚Du weißt, dass du es kannst, du bist in super Form. Mach es einfach wie in Briançon.‘“

Porträt der Kletterin Hannah Schubert

Julia Fiser: „Kurz vor dem Start höre ich motivierende Musik und gehe die Züge im Kopf durch. Meistens schauen die Routen bei der Besichtigung echt lässig aus, dann freue ich mich richtig darauf. Direkt vor dem Einsteigen lächle ich und sage mir: ‚Mach’s wie im Training – dann klappt das!‘ Auf Rituale versteife ich mich nicht. Im Wettkampf kann sich immer etwas ändern – und wenn ich ein Ritual dann nicht durchführen kann, stresst mich das. So bleibe ich möglichst ungebunden.“

Julia Fiser sitzt mit ihrem Hund auf einem Holzboden

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