Babsi Zangerl: „Ohne Angst wäre es nicht so cool, eine Route zu klettern“

Ob Boulder, Sportkletterroute oder Big Wall – Barbara Zangerl ist überall zu Hause. Ein Gespräch über Durchstiege kurz vor der Deadline, die Angst beim Klettern und warum Ziele durch schwierige Zeiten tragen.
Porträt von Barbara Zangerl, die in einer Wiese sitzt
Porträt von Barbara Zangerl, die in einer Wiese sitzt

Mrs. Sunshine vom Arlberg

An Boulderblöcken, in weltbekannten Sportklettergebieten und in Big Walls: Barbara „Babsi“ Zangerl macht in jeder Disziplin von sich reden. Im Sommer 2018 hat sie uns im Rahmen der Paraclimbing-Charity-Aktion „Klettern kann jeder“ an die Flexengalerie am Arlberg mitgenommen.

Das kleine Sportklettergebiet könnte eines ihrer Heimgebiete sein – doch die in Strengen aufgewachsene Kletterin war an diesem Tag zum ersten Mal hier. Kein Wunder: Meist ist sie anderswo auf der Welt unterwegs, in den USA, in Kanada, der Schweiz, Frankreich oder Spanien.

Wenige Tage vor unserem Treffen war sie noch in Kanada, wo ihr mit der Tradroute The Path (5.14R/8b+) die erste Frauenbegehung gelang. Kurz davor – und nur wenige Tage vor ihrem 30. Geburtstag – kletterte sie mit Speed Integrale ihre erste 9a. Im Jahr zuvor hatte sie mit Magic Mushroom (8b+) im Yosemite eine der schwersten Mehrseillängen-Tradrouten der Welt wiederholt.

Auffällig: Viele dieser Durchstiege gelangen ihr knapp vor einer Deadline. The Path am letzten Tag vor der Abreise, Speed Integrale vor dem Dreißiger, Magic Mushroom kurz vor dem Rückflug. Bringt Babsi unter Druck ihre beste Leistung? Wir haben nachgefragt.

Interview und Text: Martina Scheichl (2018)

Barbara Zangerl beim Klettern, von oben fotografiert

Durchstieg kurz vor der Deadline

Babsi, ist es Zufall, dass du Projekte oft erst kurz vor einer Deadline realisierst?

Barbara Zangerl: Nein, das war bei mir schon immer so. Zum Beispiel bei „Des Kaisers neue Kleider“. Diese Tour fehlte mir noch für die Alpine Trilogie, nachdem ich End of Silence und Silbergeier geklettert hatte.

Der Tag des Durchstiegs war einer der letzten möglichen des Jahres, bevor es zu kalt wurde. Die achte Seillänge musste ich sieben Mal einsteigen, bevor ich sie punkten konnte. Zwischen den Versuchen war ich so fertig, dass ich am Stand eingeschlafen bin. Beim Durchstieg hatte das nichts mehr mit Kraft zu tun, nur noch mit dem Kopf. Unter anderen Umständen hätte ich längst zusammengepackt, aber ich wusste: Heute muss es klappen. Wenn ich etwas unbedingt will, kann ich im Kopf so viel Energie mobilisieren, dass ich das Ziel doch noch erreiche.

Im Yosemite war es ähnlich. Bei Magic Mushroom dachte ich, ich kann die Route nie klettern. Dann schaffte ich doch alle Längen bis zur Schlüsselseillänge. Da hing ich nun, 40 Meter unter dem Gipfel, und schaffte zuerst fast keinen Zug. Jacopo, mein Partner, hatte die Länge schon geklettert – und dass wir beide gemeinsam mit einem Durchstieg oben stehen, war nur jetzt möglich. Dass wir die Route so mühsam geputzt hatten und ich so viel in die Längen davor investiert hatte, gab mir Energie für die letzten 40 Meter. In solchen Situationen denke ich mir: Wenn ich jetzt nicht Vollgas gebe, geht es nie mehr. Also Vollgas!

Wenn eine Route zu schwer scheint

Gehst du öfter mit dem Gefühl in Routen, dass sie zu schwer sind?

Barbara Zangerl: Oft, ja. Dann bin ich anfangs gar nicht so motiviert, weil ich denke, das schaffe ich nie. Die Motivation kommt oft erst, wenn ich alle Einzelzüge gemacht habe und merke: Es könnte gehen. Dann habe ich die Energie, mich voll auf die Tour zu konzentrieren.

Je mehr Zeit ich investiere, desto motivierter werde ich. Ich kann tagelang an einem einzelnen Zug probieren, bis er geht. Zum Glück demotiviert mich langes Probieren nicht.

Was erwartest du von dir selbst beim Klettern?

Barbara Zangerl: Ich habe einen relativ hohen Anspruch an mich. Mir taugt es, wenn ich mich spritzig fühle und mir die Kletterei leichtfällt. Aber beim Klettern gibt es immer wieder große Leistungsschwankungen – das darf man sich nicht zu sehr zu Herzen nehmen.

Hast du manchmal Angst?

„Ich habe ständig Angst! Die gehört beim Klettern dazu.“

Angst als Herausforderung

Wie wirkt sich das bei dir aus?

Barbara Zangerl: In dem Moment, in dem sie da ist, ist Angst ein lähmendes, sehr unangenehmes Gefühl. Aber ich glaube, ohne Angst wäre es nicht so cool, eine Route zu klettern. Wenn man nicht nur die körperliche Anstrengung schafft, sondern auch die mentale Herausforderung überwindet, ist das genial.

Angst ist für dich also eine positive Herausforderung?

Barbara Zangerl: Ja, so könnte man sagen. Wenn man eine Stelle mit großer Angst klettert, beim nächsten Mal ist sie nur noch mittelgroß und irgendwann ist sie weg – das ist ein super Gefühl. So wie man die Züge im Projekt immer einfacher macht, lernt man auch, mit dem Fürchten umzugehen. Eine Route, die ich trotz Angst schaffe, bleibt mir länger in Erinnerung. Während des Kletterns ist es nicht fein, aber man lernt, damit umzugehen – wenn man will.

Gehört Angst auch beim Sportklettern dazu?

Barbara Zangerl: Jein. Klettern am Fels ist ein Abenteuer. Ich finde es nicht gut, wenn Routen so eingebohrt sind wie in der Halle. Zum Felsklettern gehört, das Risiko einzuschätzen. Das heißt nicht, dass es gefährlich sein soll – meistens fliegt man halt nur ein bisschen weiter.

Wäre der Silbergeier super eingebohrt, wäre es nicht dieselbe Route. Das Überwinden und das Fürchten gehören dazu. Das hat Beat Kammerlander als Erstbegeher so bestimmt, und das muss man respektieren.

Heimat und Ziele

Du bist ständig unterwegs. Was bedeutet Heimat für dich?

Barbara Zangerl: Heimat ist ein Ort zum Energietanken, ein Platz, an dem ich mich wohlfühle. Viele Kletterer fühlen sich überall zu Hause – ich muss aber wirklich heimkommen, nach Bludenz oder nach Strengen, wo ich aufgewachsen bin. Mit der Energie von dort kann ich mich für neue Projekte motivieren.

Unser Treffen fand im Rahmen einer Paraclimbing-Spendenaktion statt. Was möchtest du Menschen in schwierigen Lebenslagen mitgeben?

Barbara Zangerl: Die Aktion finde ich super. Es ist erstaunlich, was diese Sportlerinnen und Sportler leisten – als gesunder Mensch kann man sich da kaum hineinversetzen, deshalb will ich keine Ratschläge erteilen. Aber ich glaube, für alle Menschen ist es wichtig, sich Ziele zu setzen, auf die sie hinarbeiten können – sportliche, berufliche oder gesundheitliche. Ohne Ziel kann ich mich nicht zum Training motivieren. Auch als ich verletzt war, haben mir meine Ziele geholfen, nicht aufzugeben.

Wichtig ist, nicht nur das Ziel im Auge zu haben, sondern immer den nächsten Schritt. In einer Route geht es nicht ums Klippen am Top, sondern um den nächsten Zug und den nächsten Griff. Diese Einstellung hilft mir, Ziele zu erreichen – egal wie weit weg sie scheinen.

Mehr über Paraclimbing in Österreich gibt es unter paraclimbing.net.

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