Die meisten Klettergärten in Tirol verfügen über einen „Halter“: Routen, Stände und Zwischenhaken werden in regelmäßigen Abständen überprüft und gegebenenfalls ausgetauscht, lose Schuppen oder Steine entfernt oder beobachtet. Diese Art von Service gibt es bei Mehrseillängenrouten nicht.
Sportklettergebiete wie die Chinesische Mauer in der Leutasch beinhalten oft auch sportklettermäßig eingerichtete Mehrseillängen – diese sind aber von der Halterschaft ausgeschlossen und werden nicht gewartet. Das bedeutet: Man kann sich nicht darauf verlassen, dass bei jedem Standplatz eine solide Kette mit Karabiner hängt oder dass diese Routen durchgeputzt und frei von lockeren Steinen sind.
Text und Fotos: Thomas Wanner
Alpinklettern: Risiken verstehen & Unfälle vermeiden | Alpinklettern #01 | SicherAmBerg – Video: Österreichischer Alpenverein
Für dich als Kletterin oder Kletterer bedeutet das: Mehrseillängen erfordern ein höheres Maß an Eigenverantwortung und alpinem Wissen. Wie bei allen alpinen Unternehmungen – egal ob in Eis, Schnee oder Fels – braucht es deshalb einen Masterplan. Der erste Baustein ist ein grober Zeitplan:
Je nach Länge der Unternehmung ergeben sich daraus die Startzeit und der notwendige Proviant – vor allem Flüssigkeit.
Richtig abseilen im Fels: die häufigsten Fehler vermeiden | Alpinklettern #07 | SicherAmBerg – Video: Österreichischer Alpenverein
Die Martinswand im August zu planen, ist ähnlich sinnvoll wie die Nordwand der Großen Zinne im Dezember – außer man steht auf glühende Hitze oder im Gegenzug auf abgefrorene Zehen. Die Tour muss zur Jahreszeit passen, und wir müssen uns vorher Gedanken machen, ob die Bedingungen in der Wand zum Klettern geeignet sind. Viele alpine Klettertouren sind im Frühjahr lange nass und brauchen einige Wochen warmes, stabiles Wetter, bis sie wirklich auftrocknen.
Anders als beim Sportklettern sollte man sich beim Alpinklettern sehr gut überlegen, mit wem man unterwegs ist. Nicht nur die seiltechnischen Kenntnisse spielen dabei eine Rolle: Auch persönliches Risikoverhalten und Selbsteinschätzung sind sehr wichtige Eigenschaften, die ich hinterfrage, bevor ich in eine große Wand einsteige. Eine offene Kommunikation und das Ansprechen heikler Themen muss in einer Seilschaft unbedingt vorhanden sein.
Material. Tatsache ist, dass heutzutage fast keine Unfälle mehr aufgrund schlechter oder mangelnder Ausrüstung passieren – im Gegenteil: Man wundert sich am Einstieg manchmal über die Fülle an neuem, ungebrauchtem Spezialequipment wie Friends in gut abgesicherten Sportklettertouren. Für uns gilt deshalb das Credo, die Ausrüstung der Tour anzupassen:
Topo. Wer seine Klettertour gewissenhaft planen möchte, kommt an einem umfangreichen Studium des Wandtopos nicht vorbei. Das Topo beinhaltet alle Seillängen und beschreibt sie mit Schwierigkeit, Länge und besonderen Merkmalen (Risse, Platten, Kamine), oft gibt es Hinweise zum benötigten Material oder Warnungen wie „Achtung Seilreibung!“ oder „Verhauer!“. Diese Tipps sollte man sich zu Herzen nehmen – man muss ja nicht die Fehler der Vorgänger wiederholen.
Standplatz bauen & Sicherungen: Fixpunkte, Friends & Keile | Alpinklettern #04 | SicherAmBerg – Video: Österreichischer Alpenverein
Das Wandtopo allein ist für eine gewissenhafte Tourenplanung aber zu wenig. Erfahrungsberichte, Fotos und Infos über den Einstieg sind sehr wertvoll, wenn man das Gebiet noch nicht kennt. Im Klettermagazin LIMIT von Climbers Paradise findet ihr Berichte und Reportagen der populärsten Mehrseillängen-Destinationen in Tirol. Ein Blick lohnt sich auf jeden Fall.
Keine Angst: Bis jetzt ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Es braucht einfach etwas Zeit und Geduld, bis man ins Alpinklettern reinkommt. Die Auswahl des richtigen Tourengebietes ist vielleicht der wichtigste Tipp für den Start.
Wenn es in eurem Freundeskreis niemanden gibt, der oder die euch bei den ersten Schritten begleitet, könnt ihr euch an lokale Alpinschulen oder Vereine wenden: Alpenverein, Naturfreunde, SAAC oder ClimbHow. Diese Institutionen bieten eine Vielzahl verschiedener Kurse an, in denen auch fortgeschrittene Kletterinnen und Kletterer noch etwas lernen können.
Für spezielle Unternehmungen könnt ihr natürlich auch private Bergführer buchen – die Suche startet ihr unter bergfuehrer-tirol.at.
Der Österreichische Alpenverein hat zum Thema eine eigene Videoreihe produziert: „Alpinklettern | SicherAmBerg“. Sieben Folgen führen genau durch die Punkte, um die es in diesem Beitrag geht – vom Topo-Lesen über den Standplatzbau bis zum Abseilen:
Tipps & Sicherheit
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