Alpinklettern vs. Sportklettern: Das sind die Unterschiede

Alpinklettern ist nicht gleich Alpinklettern. Ähnlich wie bei den meisten anderen Sportarten gibt es auch beim Klettern von Mehrseillängen gute Möglichkeiten, sich schrittweise heranzutasten. Aber worin bestehen eigentlich die großen Unterschiede zum Sportklettern?
Kletterer in einer Mehrseillängenroute an der Chinesischen Mauer in der Leutasch
Kletterer in einer Mehrseillängenroute an der Chinesischen Mauer in der Leutasch

Gewartete Klettergärten – nicht überprüfte Mehrseillängen

Die meisten Klettergärten in Tirol verfügen über einen „Halter“: Routen, Stände und Zwischenhaken werden in regelmäßigen Abständen überprüft und gegebenenfalls ausgetauscht, lose Schuppen oder Steine entfernt oder beobachtet. Diese Art von Service gibt es bei Mehrseillängenrouten nicht.

Sportklettergebiete wie die Chinesische Mauer in der Leutasch beinhalten oft auch sportklettermäßig eingerichtete Mehrseillängen – diese sind aber von der Halterschaft ausgeschlossen und werden nicht gewartet. Das bedeutet: Man kann sich nicht darauf verlassen, dass bei jedem Standplatz eine solide Kette mit Karabiner hängt oder dass diese Routen durchgeputzt und frei von lockeren Steinen sind.

Text und Fotos: Thomas Wanner

Kletterer in einer Mehrseillängenroute an der Chinesischen Mauer in der Leutasch

Alpinklettern: Risiken verstehen & Unfälle vermeiden | Alpinklettern #01 | SicherAmBerg – Video: Österreichischer Alpenverein

Der Masterplan: Zeit einplanen

Für dich als Kletterin oder Kletterer bedeutet das: Mehrseillängen erfordern ein höheres Maß an Eigenverantwortung und alpinem Wissen. Wie bei allen alpinen Unternehmungen – egal ob in Eis, Schnee oder Fels – braucht es deshalb einen Masterplan. Der erste Baustein ist ein grober Zeitplan:

  • Zustieg
  • Kletterzeit
  • Abstieg oder Abseilen
  • Pausen und Reserve (!)

Je nach Länge der Unternehmung ergeben sich daraus die Startzeit und der notwendige Proviant – vor allem Flüssigkeit.

Kletterer beim Abseilen im Wetterstein über einem Wolkenmeer

Richtig abseilen im Fels: die häufigsten Fehler vermeiden | Alpinklettern #07 | SicherAmBerg – Video: Österreichischer Alpenverein

Wetter und aktuelle Bedingungen

Die Martinswand im August zu planen, ist ähnlich sinnvoll wie die Nordwand der Großen Zinne im Dezember – außer man steht auf glühende Hitze oder im Gegenzug auf abgefrorene Zehen. Die Tour muss zur Jahreszeit passen, und wir müssen uns vorher Gedanken machen, ob die Bedingungen in der Wand zum Klettern geeignet sind. Viele alpine Klettertouren sind im Frühjahr lange nass und brauchen einige Wochen warmes, stabiles Wetter, bis sie wirklich auftrocknen.

Aufziehende Wolken über einer alpinen Kletterwand

Die Wahl der Kletterpartnerin, des Kletterpartners

Anders als beim Sportklettern sollte man sich beim Alpinklettern sehr gut überlegen, mit wem man unterwegs ist. Nicht nur die seiltechnischen Kenntnisse spielen dabei eine Rolle: Auch persönliches Risikoverhalten und Selbsteinschätzung sind sehr wichtige Eigenschaften, die ich hinterfrage, bevor ich in eine große Wand einsteige. Eine offene Kommunikation und das Ansprechen heikler Themen muss in einer Seilschaft unbedingt vorhanden sein.

Seilschaft beim Alpinklettern in den Lienzer Dolomiten

Material und Topo

Material. Tatsache ist, dass heutzutage fast keine Unfälle mehr aufgrund schlechter oder mangelnder Ausrüstung passieren – im Gegenteil: Man wundert sich am Einstieg manchmal über die Fülle an neuem, ungebrauchtem Spezialequipment wie Friends in gut abgesicherten Sportklettertouren. Für uns gilt deshalb das Credo, die Ausrüstung der Tour anzupassen:

  • Wie viele Expressen brauchen wir?
  • Sind die Standplätze gut eingerichtet, oder brauche ich Material zum Selberbauen?
  • Wird über die Tour abgeseilt, oder brauchen wir Zustiegsschuhe für den Abstieg?

Topo. Wer seine Klettertour gewissenhaft planen möchte, kommt an einem umfangreichen Studium des Wandtopos nicht vorbei. Das Topo beinhaltet alle Seillängen und beschreibt sie mit Schwierigkeit, Länge und besonderen Merkmalen (Risse, Platten, Kamine), oft gibt es Hinweise zum benötigten Material oder Warnungen wie „Achtung Seilreibung!“ oder „Verhauer!“. Diese Tipps sollte man sich zu Herzen nehmen – man muss ja nicht die Fehler der Vorgänger wiederholen.

Standplatz bauen & Sicherungen: Fixpunkte, Friends & Keile | Alpinklettern #04 | SicherAmBerg – Video: Österreichischer Alpenverein

Weitere Infos

Das Wandtopo allein ist für eine gewissenhafte Tourenplanung aber zu wenig. Erfahrungsberichte, Fotos und Infos über den Einstieg sind sehr wertvoll, wenn man das Gebiet noch nicht kennt. Im Klettermagazin LIMIT von Climbers Paradise findet ihr Berichte und Reportagen der populärsten Mehrseillängen-Destinationen in Tirol. Ein Blick lohnt sich auf jeden Fall.

Kletterer in einer Mehrseillängenroute bei der Karlsbaderhütte

Aller Anfang ist schwer – drei Gebiete für den Start

Keine Angst: Bis jetzt ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Es braucht einfach etwas Zeit und Geduld, bis man ins Alpinklettern reinkommt. Die Auswahl des richtigen Tourengebietes ist vielleicht der wichtigste Tipp für den Start.

  • Muttekopfhütte (Imst, Tiroler Oberland): ideal für erste Mehrseillängen-Erfahrungen. Die Touren sind eher in den leichten Schwierigkeitsgraden angesiedelt, Absicherung und Standplätze in der Regel sehr gut. Die Zustiege von der Hütte sind kurz – bei stabiler Witterung gehen sich auch zwei Touren an einem Tag aus. Dazu gibt es im Umkreis eine Vielzahl an Klettergärten zum Üben.
  • Karlsbaderhütte (Lienzer Dolomiten): vor allem im Hochsommer und bei heißen Temperaturen ein Spitzenplatz. Hinter der Hütte liegt ein wunderschöner Gebirgssee zum Abkühlen. Die Vielfalt reicht von alpinen Klassikern über ausgesetzte Gratklettereien bis zu gut eingerichteten Plaisirtouren.
  • Nassereith: Die Mehrseillängen am rechten Rand des Klettergartens sind ein guter Tipp für den Spätherbst oder das Frühjahr, wenn weiter oben noch Schnee liegt. Die Absicherung ist durchwegs sehr gut, der Abstieg erfolgt über den Klettersteig – es muss also nicht abgeseilt werden.
Die Karlsbaderhütte in den Lienzer Dolomiten direkt an einem Bergsee

Kletterkurse und professionelle Trainer

Wenn es in eurem Freundeskreis niemanden gibt, der oder die euch bei den ersten Schritten begleitet, könnt ihr euch an lokale Alpinschulen oder Vereine wenden: Alpenverein, Naturfreunde, SAAC oder ClimbHow. Diese Institutionen bieten eine Vielzahl verschiedener Kurse an, in denen auch fortgeschrittene Kletterinnen und Kletterer noch etwas lernen können.

Für spezielle Unternehmungen könnt ihr natürlich auch private Bergführer buchen – die Suche startet ihr unter bergfuehrer-tirol.at.

Zum Nachschauen: die ÖAV-Videoreihe „Alpinklettern“

Der Österreichische Alpenverein hat zum Thema eine eigene Videoreihe produziert: „Alpinklettern | SicherAmBerg“. Sieben Folgen führen genau durch die Punkte, um die es in diesem Beitrag geht – vom Topo-Lesen über den Standplatzbau bis zum Abseilen:

Zur kompletten Playlist auf dem ÖAV-YouTube-Kanal

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