von Simon Schöpf
Drei Klänge bleiben von diesem Tag in Erinnerung: das Pfeifen der Murmeltiere am Zustieg, das Pfeifen des Windes in der Wand und das Pfeifen der Bohrmaschine beim Einbohren.
Nun gut, Pfeifen mag ein Euphemismus sein – die Bosch 18V macht halt, was Bohrmaschinen so machen: Lärm. Aber immer nur recht kurz, 25 Sekunden später bestimmt wieder der Wind die Geräuschkulisse. Es folgen ein paar rhythmische Hammerschläge, um den Expressanker ins frisch gebohrte Loch zu treiben, ein paar Umdrehungen mit dem Schraubenschlüssel – fertig ist der Bohrhaken. „So Luis, der hält mal für die nächsten 100 Jahre“, meint Thomas und seilt sich ein paar Meter tiefer, um die perfekte Stelle für den nächsten zu finden.
Thomas Schöpf ist mein Vater, Luis Knabl sein ältester Kletterkamerad. Die meisten Ehen halten nicht annähernd so lang, wie die beiden schon miteinander durch steile Wände steigen: 45 Jahre. Zu dritt hängen wir in einem grauen Meer aus Kalk im Wettersteingebirge, jenem Felsmekka, an dem früher zuverlässig Klettergeschichte geschrieben wurde: die „Morgenlandfahrt“, der „Bayerische Traum“, die „Locker vom Hocker“ – allesamt ikonische Routen, eröffnet vom „Who’s who“ der damaligen Kletterelite.
Die klingenden Namen finden sich in den Südabbrüchen der Schüsselkarspitze, unweit des legendären Klettergartens „Chinesische Mauer“. Wir hängen ein paar hundert Meter weiter westlich, am Nachbarberg der Scharnitzspitze. Hier ist die Wand nicht ganz so hoch und nicht ganz so steil, aber von derselben Felsqualität – und vor allem nicht ganz so dicht erschlossen. Hier gibt es auch heute noch Neuland für Erstbegehungen.
Aber warum bohrt man überhaupt Kletterrouten ein? „Irgendwann will man auch seinen Teil beitragen und etwas hinterlassen. In meinem Fall sind das eben gut abgesicherte Mehrseillängen, die man ohne Furcht und Todesangst klettern kann, etwas für Familienväter und Pensionist:innen“, sagt Thomas. Die beiden pilgerten früher jährlich nach Südfrankreich, in die Verdonschlucht und nach Briançon – dorthin, wo man schon in den Achtzigern klettern konnte, ohne dabei automatisch Existenzängste zu bekommen. Inspiriert von den Franzosen setzten sie bereits 1993 die vielleicht erste ausschließlich mit Klebehaken gesicherte Erstbegehung im Wetterstein um: „Mon Chéri“, sieben Seillängen bis 8-, an der Schüsselkarspitze. Im Jahr 2000 folgte „Wolke Sieben“ (7 SL, 7+), die Thomas mit Andi Klotz eröffnete.
Eine Zeitzeugin furchtvollerer Tage ist die vermoderte Bandschlinge, die wir vom Standplatz aus im Wind flattern sehen. „Die ist noch von uns, vom allerersten Versuch dieser Erstbegehung. 38 Jahre hängt die jetzt schon da“, erzählt Thomas. Damals waren Luis und er wieder einmal ins Wetterstein rauf, ausgestattet wie üblich mit Hammer, Schlaghaken und Klemmkeilen. Aus der ins Auge gefassten Linie wurde nichts – ein Gewitter hatte den Wandriegel durchnässt. Nur ein schmaler Streifen an der Scharnitzspitze war wundersamerweise trocken, also stiegen die beiden dort hinauf. „Donnerwetter“ heißt die Route in der Erinnerung, veröffentlicht wurde sie nie.
Jetzt also: einbohren, für die Nachwelt verfügbar machen. „Figaro“ soll die neue Route heißen – italienisch für Friseur, der Luis bis zu seiner Pension im nahen Telfs war. Aus der ursprünglichen „Donnerwetter“ entsteht mit ein paar Begradigungen der „Kaufmann von Venedig“.
Linien zeichnen
Der Bohrhaken ist wohl die Erfindung, die das Klettern am stärksten verändert hat. Die Bewegung am Fels ist dieselbe, nur die Konsequenzen im Falle des Falles sind grundlegend andere. „Wenn du die Leberle (4+) geklettert bist, dann warst schon wer“, erinnert sich Luis. Wer sich gern mental fordert, findet weiterhin genügend wilde Routen. Wer aber einfach nur einen genussvollen Klettertag im traumhaften Ambiente des Wettersteins erleben will, der kann jetzt zu den Südwänden der Scharnitzspitze gehen – und statt in die „Donnerwetter“ einzusteigen und zu fluchen, die „Figaro“ klettern und einfach das Leben genießen.
Route: Die Figaro (6c+/7a bzw. 8-/8) befindet sich im linken Wandteil der Scharnitzspitze, gleich links der „Für Madln und Buam“ (8-/8), und wurde im Juni 2022 fertiggestellt.
Zustieg: Vom Gaistal in der Leutasch am besten mit dem (E-)Bike zur Wangalm, von dort in gut einer Stunde zu Fuß hinauf zu den bereits sichtbaren Wänden der Scharnitzspitze.
Abstieg: Mit Doppelseil über die Route abseilen – auch mit einem 70-Meter-Einfachseil möglich.
Material: Danke unserem Climbers-Paradise-Partner AustriAlpin für die Hardware!
Literatur: „Wetterstein Süd“ von Grübler/Hangl/Neuner, Panico Alpinverlag, 3. Auflage 2016.
Seit der Figaro hat sich an der Wettersteinsüdseite einiges getan: Thomas Schöpf und Luis Knabl zählen mit ihren Freunden derzeit zu den aktivsten Erschließern der Region. Hier ein Überblick über die neuen, gut abgesicherten Genussrouten. Der Zustieg führt jeweils vom Gaistal in der Leutasch mit dem (E-)Bike zur Wangalm und in rund einer Stunde zu Fuß weiter. Die Topos gibt es auf der jeweils verlinkten Seite des Kletterzentrums Innsbruck zum Download.
Sektor Figaro – Scharnitzspitze Südwestwand (6b–7a)
Fünf Genusstouren, komplett mit 10-mm-Edelstahlbohrhaken eingerichtet (zum Abseilen 60-m-Doppelseil):
Topo & Details zum Sektor Figaro
Sektor Aperitivo – Oberreintalschrofen Südwand (6a–7b)
Fußtechnisch anspruchsvolle Platten- und Wandkletterei in rauem, festem Wettersteinkalk, Wandhöhe ca. 100 m. Erschlossen von Fritz Huber, Thomas Schöpf, Florian Leitgeb, Luis Knabl und Christian Tollinger. Material: 16 Express, 70-m-Einfachseil oder 50-m-Halbseile.
Topo & Details zum Sektor Aperitivo
Die Schöpfung – Oberreintalschrofen-Südpfeiler (7a, 9 SL/230 m)
Erstbegangen im November 2024 von Thomas Schöpf gemeinsam mit seinem Sohn Simon. Abwechslungsreiche Kletterei vom Lochüberhang über steile Risse bis zur technischen Platten-Schlüsselstelle, in bestem Wettersteinkalk. Material: 12 Express, für SL 2 und 3 sind Friends (0.75, 1, 2) empfehlenswert; 4× abseilen (60 m).
„Nebenbuhler“ & „Zum Pool“ – Oberreintalschrofen-Südpfeiler
Topo & Details zu Nebenbuhler & Zum Pool
Sektor Triathlon – Oberreintalschrofen Südwand-Vorbau (6b–6c+)
Drei Routen bis 6 SL, erschlossen von Luis Knabl und Thomas Schöpf 2025 (die letzte Route „Triathlon“ gelang Anfang Dezember 2025). Allerbester Fels, humane Bohrhaken-Absicherung. Material: 50-m-Doppelseil oder 70-m-Einfachseil, 10 Express. Wer alle drei Routen an einem Tag klettert, hat den Triathlon bestanden.
Tipps & Sicherheit
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