Kletterurlaub im Pitztal, das könnte ungefähr so ablaufen: An kühlen Tagen im Hexenkessel den Gneis zum Glühen bringen, an heißen Tagen „abtauchen“ in den Klettergarten Unterwelt. Bei fast jedem Wetter mit den Kids im Bouldergebiet Mandlers Boden Grimms Märchen von „Hänsel und Gretel“ ganz neu definieren.
Wer bei Pitztal bisher „nur“ an Eisklettern im Winter und Bergsteigen im Sommer gedacht hat, dem sei verraten: Das Seitental des Inntals hat wesentlich mehr zu bieten. Es hat ein Herz aus Fels und ein Herz für Familien.
Das Pitztal ist bunt: Der Talbeginn, besser bekannt als „Äußeres Pitztal“, präsentiert sich breit, mit sanft geneigten Hängen und ebenso sanften Erhebungen. Die Ortschaften Arzl, Wald, Wenns und Jerzens zeichnen mit ihrem kupierten Gelände eine pittoreske Mittelgebirgslandschaft. Auch das breite Hochplateau der Pillerhöhe verzaubert – und ist gleichzeitig die Verbindung zum Kaunertal. Fährt man weiter taleinwärts, kommen die Berge näher, das Tal wird enger und schließt sich zu einem markanten „V“. Willkommen im „Innerpitztal“, mit seiner berühmten Wildspitze, deren ewiges Eis in der Sonne funkelt.
Auf 40 Kilometern zeigt sich das Tal in unterschiedlichen Facetten, und entsprechend vielfältig sind die Outdoor-Möglichkeiten: von gemütlichen Wanderungen bis zu alpinen Hochtouren, von Wasserfallwegen bis Sonnenbaden – nicht zu vergessen die vielen Trailrunningstrecken samt Pitztal-Gletscher-Trail-Maniak (95 Kilometer und rund 6.500 Höhenmeter!). Mit seiner familiären Atmosphäre und der Abgeschiedenheit seiner Bergwelt gilt das Pitztal als eines der schönsten und wildesten Seitentäler der Ostalpen – geeignet für ambitionierte Kletter-Profis genauso wie für Einsteigerinnen und Einsteiger.
Text: Susa Schreiner
Im Weiler Plangeroß, wo sich rechts und links der Straße die Berge zum Greifen nah steil auftürmen und das Wasser der vielen Wasserfälle tosend in die Tiefe stürzt, liegt das Klettergebiet „Hexenkessel“. Das Gneis-Massiv ist kein Einsteigergebiet und auch nicht der ideale Ort, um von der Halle erstmals an den Fels zu wechseln. Es ist aber ein wahrer Funpark für geübte Kletterinnen und Kletterer, die sich in Routen ab dem siebten Schwierigkeitsgrad aufwärts wohlfühlen.
Zum Aufwärmen und zum Eingewöhnen an die Felsbeschaffenheit locken beeindruckende Linien wie „Wild Men Weekend“ im Sektor Platysma. Wer gleich knackiger einsteigen möchte, findet in der 3-Sterne-Tour „Ezechiel“ eine Traum-6c-Route: steile, kräftige Riss- und Verschneidungskletterei. Danach warten exzellente Routen im neunten und zehnten Schwierigkeitsgrad.
36 Grad und es wird noch heißer …? Dann heißt es abtauchen in den Klettergarten „Unterwelt“ und einen Pakt mit der „Mafia“ eingehen – so heißt einer der Klettersektoren. Die Felsen liegen tief im Wald, die Bäume fungieren als natürliche Klimaanlage, und die Ausrichtung passt ebenfalls: Nordost.
Allerdings ist auch die „Unterwelt“ nichts für Klettereinsteiger: Die Routen sind zumindest bis zum Schwierigkeitsgrad 7a hart bewertet und fordern ab dem ersten Zug volle Aufmerksamkeit und Muskelarbeit. Ansonsten aber handelt es sich um ein Top-Sommer-Klettergebiet, das mit über 50 Routen ein Versprechen für viele erfüllte Klettertage abgibt.
Mit Kids im Urlaub, und die wollen lieber bouldern statt baden? Dann nix wie ins Bouldergebiet „Mandlers Boden“. Die Felsblöcke liegen weit verstreut im dichten Wald, im Wechsel mit hübschen Lichtungen, die zum Relaxen einladen – oder bei den Kids die Fantasie anregen. Warum? Weil beispielsweise zwei leichte Boulder die Namen „Hänsel“ und „Gretel“ tragen. Da kann man Grimms Märchenklassiker gleich ganz neu interpretieren.
Insgesamt warten 55 Boulderblöcke mit über 170 „Problemen“ in den Schwierigkeitsgraden 3c bis 8a darauf, erobert zu werden. Und nach dem Bouldern ist dann vielleicht doch vor dem Baden oder dem Lagerfeuer, denn das Areal bietet ausgewiesene Grillstellen. Wenn die Flammen in den Abendhimmel züngeln, die Holzscheite in der Hitze knacken und die Nachtvögel ihre Gesänge anstimmen, ist das ein Erlebnis für Groß und Klein.
Das Pitztal bietet nicht nur für sehr geübte Kletterinnen und Kletterer erstklassige Sportklettergebiete, sondern zeigt auch seine „softe“ Seite – in Form von lohnenden Einsteiger- und familienfreundlichen Klettergärten:
Gerade die Kaunergrathütte ist ein Abenteuer für die ganze Familie: hoch hinaus, Hüttenübernachtung und Klettern in einem.
Die Hütten- und Almendichte im Pitztal ist gewaltig – und damit auch die Möglichkeiten, nach dem Klettern, Bouldern oder der Klettersteigtour den Tag gebührend abzuschließen. Eine schöne Idee für einen Ruhetag: Kaffeeklatsch im Café 3440 am Pitztaler Gletscher. Erfrischende Temperaturen und die Aussicht auf gut 50 Dreitausender, dazu Kaffee und Kuchen – und weil das Panorama gar so schön ist, noch ein Glaserl Weißwein, bevor es wieder zurück ins Tal geht.
Wer sich im Urlaub gern selbst versorgt und den Kochlöffel schwingt, wird sich über die lange Liste der Direktvermarkter im Pitztal freuen: von Bio-Eiern über Kartoffeln bis zum selbst gebrannten Zirbenschnaps.
Von leichten Wanderungen bis zu hochalpinen Bergtouren ist im Pitztal alles möglich – dazu Mountainbiken, Joggen und vor allem Trailrunning. Auch Wasserratten werden das Tal lieben: Die Wasserwelten Stillebach haben einen Badeteich samt großer Liegewiese und Logenplatz Richtung Gletscher, der Rifflsee lockt mit einer Floßfahrt. Oder wie wäre es mit einem Besuch im Steinbockzentrum, einer Fahrt im Zirben-Car oder einem Bungee-Sprung? Der XP Abenteuerpark in Jerzens schickt einen im Hochseilgarten mit dem Flying Fox in rund 50 Metern Höhe über eine Schlucht.
Ein Juwel für kleine und große Tierliebhaber ist die Tiefentalalm im inneren Pitztal. Von Piösmes (Gemeinde St. Leonhard) geht es über einen schattigen Forstweg in ein bis eineinhalb Stunden zur Alm. Das schmucke Häuschen liegt idyllisch in einem Lärchen- und Zirbenwald mit plätscherndem Gebirgsbach direkt vor der Hütte. Schnatternde Enten, neugierige Ziegen, flauschige Hasen und prächtige Haflinger tummeln sich hier oben in der Sommerfrische.
„Climb in, climb out“ – eine Hommage an die Ski-in-ski-out-Hotels im Winter gibt es im Biohotel Stillebach, das neben dem Kletterstadl Stillebach liegt. Beim Kletterstadl handelt es sich um eine Boulderhalle mit viel Liebe zum Detail und über 90 Boulderrouten in allen Schwierigkeitsgraden.
Wer Hüttenflair sucht, bucht sich in einer der vielen Alpenvereinshütten einen Schlafplatz, beispielsweise in der Kaunergrathütte. Toll für Familien mit kleinen Kids ist eine Übernachtung auf der Tiefentalalm. Und in Jerzens, am Anfang des Pitztals, gibt es einen Campingplatz für Freunde von Zelt- oder Van-Übernachtungen.
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