„Heute geht’s zum Tiroler Loch Ness“, witzelt Chanti. Die drei Freundinnen haben soeben ihre E-Bikes hinter dem Seebensee geparkt. „Mithilfe der neuen E-Mobilität war der Weg hier hoch auf 1.657 m ebenso ein Witz“, meint sie frech lächelnd.
Aber auch ohne Strom lässt sich der Weg von Ehrwald in der Tiroler Zugspitz Arena gemütlich hinter sich bringen. Denn die Ehrwalder Almbahn ist nicht weit, und ein Biketransport wird für zwei Euro pro Fahrt angeboten (Stand 2021). Fast flach führt der breite Weg von der Bergstation zum Seebensee. Kein Wunder also, dass sich der malerische Ort zum beliebten Instagrammotiv gemausert hat.
Schöne Bergseen gibt es auch woanders, mag man sich nun denken. Warum ist ausgerechnet diese Gegend so hoch im Kurs? Verkaufspsychologisch liegen die Argumente klar auf der Hand: Hier bekommst du zwei Bergseen zum Preis von einem. Nur eine gute halbe Stunde Fußmarsch vom Seebensee entfernt liegt der Drachensee – das Loch Ness Tirols, wie Chanti den See originell umgetauft hat.
„Woher wohl der Name Drachensee kommt?“, fragt sie mit großen Augen in die Runde. Beredtes Schweigen. Die drei Freundinnen sind aber primär nicht hier, um Namensforschung zu betreiben oder tolle Instagrambilder zu schießen, sondern um zu klettern. Was sie gratis zur Kletterei dazubekommen, ist die beste Perspektive: Von den nur kletternd zu erreichenden Gipfeln hat man zweifelsohne den besten Blick auf das Seenduo – beste Selfieposition inklusive. Nur ausgewählte Instagramer verirren sich auf diese selektiven Gipfel.
Text: Gebi Bendler | Fotos: Michael Meisl
Vor den drei Freundinnen breitet sich ein großartiges Felsamphitheater aus. Links die Tajaköpfe, dazwischen duckt sich der Drachenkopf vor dem Hintergrund des drachenartig gezackten Gratrückens des Wamperten Schrofens. Welch skurriler Name für einen Berg: Wampert bedeutet im Tiroler Dialekt dickbäuchig – was sein Antlitz durchaus treffend beschreibt.
Rechts davon die mit einem viel weniger kreativen Namen bedachte Ehrwalder Sonnenspitze, die dafür umso erhabener aussieht. Gerne wird sie aufgrund ihrer schönen Form als Ehrwalder Matterhorn bezeichnet. Im Vergleich zum Matterhorn ist der Fels hier aber viel kompakter. Man ist geneigt zu behaupten, dass die Sonnenspitze nicht nur aussieht wie ein Stück Toblerone, sondern dass die Kletterei dort auch so schmeckt. Überhaupt zeigt sich das ganze Gebiet klettertechnisch von seiner Schokoladenseite.
Da die Kletterrouten großteils erst in den letzten Jahren erschlossen wurden, ist die Absicherung unserer modernen Vollkaskomentalität entsprechend perfekt. Und der Wettersteinkalk war geologisch betrachtet sowieso immer schon perfekt. Die Tour „Boomerang“, die sich die drei heute an der Sonnenspitze auserkoren haben, bildet da keine Ausnahme: Boomerangförmig zieht sich die Kletterroute am Felswulst nach oben.
„Die geilste alpine Linie, die ich bisher geklettert bin.“
Cooles Instagrambild inklusive. Das „vermutlich beste Tiroler Gröstel Tirols“, wie die Süddeutsche Zeitung das einfache Kartoffelgericht auf der Coburger Hütte lobt, haben sich die drei im Anschluss vollauf verdient.
Warum nun der Drachensee eigentlich Drachensee heiße, fragt Chanti den servierenden Hüttenwirt Friedl Schranz. „Weil böse Schwiegermütter hier versenkt werden“, behauptet dieser schlagfertig unter lautem Lachen.
„Nein, das weiß eigentlich keiner so genau, da es auch keine konkrete Drachensage zu der Bergregion gibt.“ – „Vielleicht lebt ja ein echtes Seeungeheuer im Drachensee?“, hakt Chanti scherzend nach. So abwegig wäre das nicht, schmunzelt Friedl. Denn im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität Innsbruck wurden hier vor vielen Jahren einmal kanadische Saiblinge ausgesetzt. Ihnen bekam die Höhenlage bestens, und bis heute sind die riesig gewordenen Saiblinge im Drachensee. Ab und zu kommen sie an die Seeoberfläche – und in der Abenddämmerung könnte so ein fetter Saibling schon mal für ein Seeungeheuer gehalten werden.
Diese Reportage stammt aus dem Klettermagazin LIMIT. In dieser Ausgabe haben wir uns ganz dem Alpinklettern in Tirol gewidmet: Auf 136 Seiten präsentieren wir die beeindruckende vertikale Vielfalt Tirols – mit spannenden Storys aus 15 Kletterspots, die einen tiefen Einblick in die Geschichte des alpinen Kletterns in Tirol bieten.
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