An diesem Morgen hat sie schon einen guten Teint im Gesicht: Lena Müller ist gerade frisch von einem Arco-Trip zurück – unterwegs war sie ohne Auto, nur mit Zug und Fahrrad. Umständlich oder befreiend? Für Lena ist die Antwort eindeutig.
Interview: Simon Schöpf
Seit sie vor zwei Jahren mit dem Trad-Testpiece „Prinzip Hoffnung“ als erste Deutsche eine Route im Grad E9/E10 geklettert ist, ist Lena Müller auf der medialen Kletterlandkarte aufgeschlagen. Wir sprechen mit der in Innsbruck lebenden Allgäuerin über klimafreundliches Klettern, ihre Arbeit als Klimaforscherin, die Freiheit des Handelns und ihr neues Projekt: den nachhaltigen Kletterführer für Tirol.
Simon Schöpf: Im Film-Projekt „Alpen – to go?!“ von Ortovox sieht man dich bei deinen Feldversuchen als Klimaforscherin im Stubaital und beim Klettern im Karwendel. Woran arbeitest du gerade?
„In meiner Doktorarbeit schaue ich mir die Auswirkungen der Klimakrise an, vor allem der zunehmenden Dürreereignisse, auf Bergregionen. Dazu machen wir Experimente im Stubaital und im Botanischen Garten Innsbruck.“
Im Film heißt es: „Wir sind dabei zu zerstören, was wir lieben und brauchen. Und wir wissen das.“ Wissen ist das eine, Handeln das nächste – wie vereinst du die zwei Herzen in deiner Brust?
„Bei mir bedingt sich das gegenseitig: das Wissen und das Handeln! Der Hauptgrund, dass ich persönlich etwas in meinem Leben umgestellt habe, war das Wissen um die Auswirkungen der Klimakrise. Durch mein Studium der Ökologie und jetzt meinen PhD habe ich mich so viel damit beschäftigt – irgendwann ist daraus das Bedürfnis entstanden, etwas in der Praxis zu verändern.“
Theoretische Frage: Würdest du auch in den Klettergarten radeln, wenn du nicht Ökologie studiert hättest?
„Sehr gute Frage und wirklich schwierig zu beantworten. Tatsächlich vielleicht sogar nicht. Für mich war die Auseinandersetzung mit der Klimakrise im Studium und in der Forschung der Anstoß, viele meiner Lebensbereiche zu verändern – am Ende des Tages auch die Mobilität im Sport. Ich hatte das Gefühl, es reicht nicht, kein Fleisch mehr zu essen und Bio einzukaufen, aber trotzdem ein paar Mal die Woche mit dem Auto zu den Felsen zu düsen. Meine Antwort zeigt aber auch ein großes Problem auf: Die Klimakrise ist eine Informationskrise! Wir werden von Politik und Medien nicht ausreichend und ehrlich genug darüber informiert, was auf uns zukommt.“
Mit welchen Folgen müssen wir rechnen, wenn wir weiterhin „business as usual“ praktizieren?
„Wenn die Politik nicht handelt und die Erderhitzung nicht auf 1,5 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts begrenzt, dann sind die Auswirkungen dramatisch: Anstieg des Meeresspiegels, Trinkwassermangel, vermehrte Missernten, Fluten, dramatischer Rückgang der Artenvielfalt. Die Auswirkungen sind global extrem ungleich verteilt – sowohl die Folgen als auch die Anpassungsmöglichkeiten.“
Du gehst mit gutem Beispiel voran: Filme, Beiträge, Gespräche. Ist das ansteckend?
„Dass das ansteckend ist, das hoffe ich sehr! Ich habe mittlerweile sehr viele positive Rückmeldungen bekommen, auch von Leuten, die ich gar nicht kenne. Seit ich die ‚Prinzip Hoffnung‘ in Bürs geklettert bin, hatte ich einfach Glück, immer wieder Anfragen zu diesem Thema zu bekommen – die Möglichkeit, öffentlich darüber zu sprechen. Mit dem vielen Feedback sieht man, dass man nicht alleine ist, dass das eine geteilte Sorge ist, dass man eine Gemeinschaft ist. Wenn das nicht so wäre, könnte ich das nicht machen!“
„Aber es ist immer noch schwierig, jemanden zu finden, der Bock hat, mit Öffis zum Klettern zu fahren. Ich bin aber zuversichtlich.“
In welchen Klettergebieten hängst du am liebsten ab – und welche Wände sind am bequemsten mit Öffis erreichbar?
„Im Winter gehe ich total gern an die Martinswand, das geht super mit Bus oder Zug. Mittlerweile fahre ich auch oft in die Region Kufstein, weil man da bequem mit dem Zug hinkommt – und ich hab’s gern bequem. Die Geisterschmiedwand ist super, richtig gute Kletterei: Wenn man das Fahrrad in die S-Bahn mitnimmt, ist man in 10 Minuten vom Bahnhof am Felsen. Auch der Klettergarten Morsbach geht gut, Sparchen ebenso – da fährt man dann so 20 Minuten mit dem Radl.“
Du arbeitest auch an einem nachhaltigen Kletterführer. Verrate uns mehr!
„Nächste Woche gehen wir in den Druck! Den Kletterführer habe ich zusammen mit meiner Freundin Deniz Scheerer gemacht. Wir stellen darin Klettergärten in Tirol vor, die von Innsbruck aus gut mit Öffis oder Fahrrad zu erreichen sind. Der Fokus liegt auf der Anreisebeschreibung: Unser Ziel ist es, klimafreundliches Klettern zu erleichtern und die Einstiegshürde möglichst gering zu halten. Wir hoffen, dass unser Führer es mehr und mehr Kletterinnen und Kletterern erleichtert, das Auto auch mal stehen zu lassen.“
„Klimafreundlich Klettern – Ein Guidebuch zur Anreise mit Bus, Bahn und Rad in Tirol“ ist kostenlos als PDF online verfügbar.
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