Wir haben die wichtigsten Disziplinen und Begehungsstile des Kletterns aufgearbeitet und mit Infos zu ihrer Entstehung behübscht. So geht ihr garantiert keine falschen Wetten ein – und könnt nebenbei mit ein paar Hintergründen punkten.
Text: Martina Scheichl
Leadklettern. Das klassische Vorstiegsklettern bezeichnet das Begehen einer Route mit Seilsicherung von unten und fixen Zwischensicherungspunkten. Es erfordert starke Nerven, Ausdauer und jede Menge Haltekraft – allein schon wegen des Einhängens der Zwischensicherungen, das gegenüber dem Toprope dazukommt. Auch taktisch und technisch wird einiges abverlangt, vor allem im Onsight-Versuch. Historisch hat das Vorstiegsklettern Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre in den USA seinen Aufschwung erlebt: Die Welt schaute den amerikanischen Rookies beim Einbohren zu und erkannte schnell, dass man sich so klettermäßig deutlich rasanter weiterentwickelt als beim Clean-Klettern.
Bouldern. Die wahrscheinlich beliebteste Spielart des Kletterns. Ohne Seil klettert man bis auf Absprunghöhe, als Sicherung dienen Matten oder Crashpads. Richtige „Bleausards“ verzichten sogar darauf und bouldern in den Wäldern von Fontainebleau mit einem kleinen Teppich, der nicht den Kletterer schützt, sondern den Fels. Ohne diese französische Geschmeidigkeit kann das allerdings schmerzhaft werden. In Fontainebleau wird seit den 1890er-Jahren geklettert; maßgeblich weiterentwickelt hat die Disziplin John Gill in den 1950er- und 1960er-Jahren – er brachte das dynamische Klettern und das Magnesia ins Spiel. Was für ein Held.
Eine Grenzüberschreitung beim Bouldern ist das Highball: hohe Boulder, bei denen ein Sturz ohne seriöse Verletzung nicht mehr möglich ist (ca. 4–5 Meter). Ab etwa sieben Metern ist der Übergang zum Free Solo fließend.
Toprope. Das Kind des elterlichen Sportkletterns. Seine Daseinsberechtigung hat es vor allem im Anfänger- und Kinderbereich. Die Entwicklung des Toppas (mechanische Seilbremse) hat es zusätzlich salonfähig gemacht – so wird auch ohne Kletterpartner auf- und abgespult. Auch die Wettkämpfe des Parakletterns spielen sich überwiegend im Toprope ab.
Paraclimbing. Klettern für Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen. Je nach Art und Ausprägung der Beeinträchtigung werden die Athletinnen und Athleten verschiedenen Kategorien zugewiesen, innerhalb derer sie ihre Kräfte messen. 2011 fanden die ersten IFSC-Paraclimbing-Weltmeisterschaften in Arco statt – seitdem gewinnt die Disziplin stetig an Bedeutung.
Speedklettern. Tanzt in den meisten Aspekten aus der Reihe: Hier entscheidet das Tempo. Die Speed-Route ist international standardisiert – Speed ist damit die einzige Disziplin, in der Weltrekorde aufgestellt werden können. Gefragt sind Schnell- und Maximalkraft, höchste Greif- und Trittpräzision und die Fähigkeit, sich Bewegungsabläufe exakt einzuprägen.
Am Fels gibt es Speed der anderen Art: Alex Honnold und Tommy Caldwell kletterten 2018 die knapp 1.000 Meter lange „Nose“ am El Capitan in 1 Stunde 58 Minuten. Und Dani Arnold durchstieg 2019 die 550 Meter lange Comici-Dimai-Route an der Großen Zinne Free Solo in 46 Minuten 30 Sekunden.
Kombination. Das Format wurde für die Olympischen Spiele 2020 (ausgetragen 2021) entwickelt. Geklettert werden Speed, dann Bouldern, abschließend Lead – daraus ergibt sich eine Gesamtwertung. Für die Athleten eine Herausforderung, die physisch wie psychisch alles abverlangt.
Alpines Sportklettern. Die Kombination aus Alpin- und Sportklettern: Mehrseillängen-Touren, bei denen leichte Passagen bevorzugt mit mobilen Sicherungen wie Friends, Keilen oder Bandschlingen abgesichert werden, während schwierige Stellen Bohrhaken bekommen.
Meistens erfolgt das Einbohren von unten – so will es die Ethik der Pioniere dieser Disziplin. Das hat eine Konsequenz: Schwierige Stellen müssen frei geklettert werden. Man stelle sich den Erstbegeher vor, der eine Passage zum x-ten Mal versucht und noch immer nicht weiß, ob sie überhaupt kletterbar ist. Ihm geht es um eines: weiterkommen, bis zum nächsten guten Griff, wo er eine Selbstsicherung bauen kann – vielleicht an einem Skyhook, den er nur auf eine kleine Ecke aufgelegt hat. Dort hängt er sich hinein, zieht die Bohrmaschine nach oben und setzt einen Bolt, während er hofft, die Balance zu halten. Heutzutage findet man allerdings den einen oder anderen Kletterer, der sich von dieser Tradition eher unbeeindruckt zeigt.
Mehrseillängen. Ist eine Route länger als eine Seillänge und müssen Standplätze eingerichtet werden, spricht man von einer Mehrseillängen-Route. Schon 90 Meter erzwingen das meist. Über den Absicherungszustand lässt sich nichts Allgemeines sagen – das hängt immer von den Einrichtenden ab. In jedem Fall gilt es mehr zu planen als bei einem Tag im Sportklettergarten: Seilkommandos abstimmen, Wetter und Routenverlauf vorab checken, Abstieg und Abseilpiste kennen.
Plaisir. Dasselbe, nur in allen Faktoren entschärft: moderater Schwierigkeitsgrad (etwa bis zum 7. UIAA-Grad), gute Bohrhaken-Absicherung, kurzer und risikoarmer Zu- und Abstieg. Genussklettern eben.
Alpines Klettern. Hier steht das Erreichen des Gipfels im Zentrum, nicht die Überwindung eines Schwierigkeitsgrades. Es werden mehrere Seillängen aneinandergereiht – so viele, dass man mitunter in der Wand biwakieren muss. Dann spricht man von Bigwalls.
Häufig sind nur wenige Bohrhaken vorhanden, Zwischensicherungen müssen selbst angebracht werden. Manche alpinen Routen sind absolut clean: kein einziger Bohrhaken, weder zur Sicherung noch zur Orientierung. Wer hier unterwegs ist, muss Routenverläufe lesen, Sicherungen setzen und Standplätze bauen können. Wegen dieser Faktoren wird in alpinen Routen oft einige Grade unter dem eigenen Rotpunkt-Niveau geklettert – bewusst, um Risiken zu vermeiden.
Eisklettern. Ebenfalls eine Spielart des alpinen Kletterns: Sicherungen (Eisschrauben) werden selbst angebracht, das Risiko ist generell hoch. Ansonsten ähnelt es dem Felsklettern in keinster Weise – ihr wisst schon, Eis und Pickel und so.
Trad- oder Cleanklettern. Mobile Sicherungen werden am Fels angebracht und nach der Route wieder entfernt. Entstanden ist diese Art des Sicherns, um Schlaghaken zu vermeiden: Yvon Chouinard, Big-Wall-Pionier und Gründer von Patagonia, bemerkte schon in den späten Fünfzigerjahren, dass Schlaghaken nachhaltige Schäden am Fels hinterlassen – die sogenannten „Pin Scars“.
Freiklettern. Zum vertikalen Fortbewegen wird lediglich der eigene Körper eingesetzt, keine künstlichen Hilfsmittel. Heißt: Wer an einer Exe zieht, um eine Stelle zu überwinden, ist kein Freikletterer mehr – zumindest nicht in diesem einen Versuch.
Free Solo. Die freie Begehung ohne Sicherung und ohne Partner. Wer eine Route Free Solo klettert, setzt sich einer enormen Gefahr aus. Meist haben sich die Kletterer akribisch vorbereitet und die Route exakt ausgebouldert, sodass keine Fehler mehr möglich sind – in der Theorie zumindest. Es braucht ein extrem starkes Mindset, die Fähigkeit zu vollster Konzentration auf das Hier und Jetzt und viel Grundvertrauen in die eigenen Stärken. Genau darin liege der Reiz, sagen die „Free-Solo-isten“.
Spätestens seit Alex Honnolds Kinohit „Free Solo“ ist die Disziplin auch über Kletterkreise hinaus bekannt. Wobei man sagen muss: Der Film hat das Bild vom normalen Kletterer verzerrt – nur die wenigsten sind so crazy.
Zwei Verwandte: Beim Free-Solo-Base trägt der Kletterer einen Base-Schirm am Rücken, den er im Sturz ziehen kann – sinnvoll allerdings erst ab einer gewissen Höhe; auf den ersten zehn Metern bewirkt er nichts mehr. Und beim Deep Water Solo klettert man ebenfalls ungesichert, stürzt aber ins Wasser. Dafür gibt es sogar Wettkämpfe, etwa das amerikanische Psicobloc Masters.
Damit sind wir am Ende unseres Vokabel-Checks angekommen. Wir hoffen, er ist einigermaßen vollständig – und falls euch ein Begriff fehlt: Die Kletterszene erfindet schneller neue Stile, als man sie aufschreiben kann. Siehe Brushpoint.
Tipps & Sicherheit
Du willst mehr zu Sicherheit beim Klettern wissen? Hier gehts zu unseren Sicherheitstipps.