Selbst wenn man durch die Innsbrucker Altstadt flaniert, bekommt man das Gefühl, dass hier irgendwie jeder bereit ist, augenblicklich in eine Route einzusteigen.
Ergibt ja auch Sinn: Selbst mitten in der Stadt sieht man in allen Richtungen die Felsen – oben auf der Nordkette, drüben in der Martinswand, unterhalb der Nockspitze. Und dann ist da noch das Kletterzentrum Innsbruck, wenn’s mal regnen sollte: eine der modernsten Kletterhallen überhaupt, wo sich die internationalen Top-Athleten die Klinke in die Hand geben.
Man muss gar nicht bis ins Zillertal oder an den Wilden Kaiser fahren, um in den Genuss von tollen Felsklettereien zu kommen: Vieles liegt in der Region Innsbruck nah und ist sogar mit dem Fahrrad erreichbar. Wir geben einen Überblick über die lohnendsten Felsmeter in und um die Alpenhauptstadt.
Text: Simon Schöpf
Wo Weltklasse-Athleten auf Weltklasse-Fels treffen: Das Dschungelbuch ist nur einer von vielen Klettergärten in der Martinswand, gute zehn Autominuten westlich von Innsbruck – aber definitiv der größte und traditionsreichste. Mit Routen wie dem „Dschungelfieber“ (8c/+) war es das Epizentrum des Tiroler Sportkletterns in den Achtziger- und Neunzigerjahren.
In den schwierigen Routen dominiert knallharte Leistenkletterei an kleinen Griffen – aber auch eine 7− kann überraschend anspruchsvoll sein. Dennoch findet man immer wieder lohnende Routen in den mittleren Schwierigkeitsgraden. Projektieren empfiehlt sich hier nur, wenn der Grip am Fels gut ist: kühle Temperaturen und ein leichter Wind sind ideal. Das Gebiet ist südseitig ausgerichtet und liegt ganz unten im Inntal – was den „Dschungel“ zu einem idealen Herbst- und Wintergebiet macht.
Von unten betrachtet möchte man nicht meinen, dass die Nordkette, die das Stadtbild von Innsbruck dominiert, irgendwo festen Fels aufweist – primär brüchiges Karwendelgestein, so der Eindruck aus der Ferne. Doch wer die Felsen genauer betrachtet, findet immer wieder Inseln aus bombenfestem Kalk.
Zum Beispiel genau oberhalb der Bergstation der Nordkettenbahn, oben auf der Seegrube: Erst vor wenigen Jahren erschlossen, bietet die Kletterarena Seegrube genialste, superscharfe Lochkletterei auf 2.000 Metern – die Stadt liegt einem dabei zu Füßen.
Da hört man oft die kritischen Stimmen: Im Höttinger Steinbruch könne man ja gar nicht mehr klettern, derart abgespeckt seien die Routen. Stimmt, die Patina ist dick geworden nach all den Jahren – selbst Hermann Buhl hat hier schon seine Trainingsmeter abgespult. Abschrecken lassen sollte man sich davon aber nicht.
Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist das Konglomeratgestein der Höttinger Breccie allemal, vor allem die ersten paar Meter. Die Routen sind aber dennoch lohnende Linien – mit einem gewaltigen Vorteil: gute 30 Sekunden Zustieg, schnell erreicht mit Bus und Bike. Und welche Stadt hat schon ein kleines, feines Klettergebiet als Naherholungsgebiet? Noch dazu mit einer flachen Wiese als Wandfuß, wo kletternde Familien einen idealen Outdoorspielplatz vorfinden. Ehret die Breccie!
Imposant, wie sich die Jungmannschaftswand vor einem aufbaut, nachdem man ein paar Kurven den engen Steig in die Ehnbachklamm gewandert ist. Die neun Routen sind allesamt lohnend, wenn auch zum Teil gut abgeklettert. Der „Jungmannschaftsriss“ ist ein Klassiker im 7. Grad, „Jimmy’s Kanal“ eine beliebte erste Mehrseillängentour. Absteigen kann man bequem zu Fuß.
Das Innsbrucker Hausgebiet für Mehrseillängenkletterer ist die Martinswand, die hoch über Zirl thront. Hier gibt es ein fast unerschöpfliches Revier für die Ritter der Vertikalen:
Auf der Martinswand hat alles Platz. Besonders die Routen im oberen Wandteil – am besten über eine leichtere Plattentour von unten zu erreichen, der Zustieg durch den Schrofen ist sehr „gewusst wie“ – sind für Kletterer, die den technisch-kleingriffigen Martinswandstil nicht gewohnt sind, äußerst kraftraubend.
Die imposante Hohe Munde mit ihrer markanten „Nase“ ist der Hausberg der Telfer – einer Marktgemeinde 20 Minuten westlich von Innsbruck. Und die Nase hat es in sich: ein Ziel für versierte Alpinkletterer, die auch mit mobilen Sicherungsmitteln und zum Teil brüchigem Gestein gut umgehen können.
Als Alternative zur Südwand hat sich mittlerweile das Kolosseum etabliert – hier dominiert steile, aber besser abgesicherte alpine Sportkletterei. Eine gute Portion Moral brauchen die athletischen Routen aber dennoch.
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