von Simon Schöpf
Verschenken wollen wir natürlich keinen einzigen Höhenmeter. Alles, was mit dem Elektromotor gemacht werden kann, das wird auch gemacht – wenn schon, denn schon.
Wir nehmen also auch die letzten Meter noch mit, treten in die Pedale, es holpert ganz schön am Schluss. Aber dann sind wir da, stehen unter der urigen Wegscheid-Hochalm und parken unsere Radeln.
Mit dem E-Bike sind wir unten in Scheffau gestartet, zuerst an der barocken Dorfkirche vorbei, an urigen Bauernhöfen, dann am Jägerwirt. Eingetaucht in einen schönen, schattigen Wald, freudig spritzend durch den Wegscheidbach, weiter zur gleichnamigen Alm. Und das Ganze – wichtiges Detail – ohne übermäßig zu schwitzen. So macht man das nämlich als Kletterer von heute: Da sind Gurt, Seil und Patsch’n nicht mehr genug, es braucht ein Radl. Und zwar im besten Fall eines mit Motor, denn man will sich die Kraft für die Wand aufsparen.
E-Bike & Climb ist mittlerweile so ein Ding, auf climbers-paradise.com gibt es sogar eine eigene Landingpage dazu. Lässt sich ideal kombinieren: mühsame, lange An- und vor allem Abstiege spielerisch meistern, Spaß statt Quälerei. Ab der Alm geht’s mit ehrlicher Muskelarbeit weiter Richtung Fels – in ehrlichen 30 Minuten stehen wir am Wandfuß.
Unser Ziel ist die Multerkarwand am Treffauer im Westkaiser. Zugegeben: Im Vergleich zu den großen Namen wie der Mauk, dem Fleischbankpfeiler oder der Totenkirchl-Westwand ist die Multerkarwand … nun ja, ein ziemlicher No-Name. Aber wir wollen heute nicht die heroischen Routen von Buhl, Dülfer & Co. wiederholen, wir wollen einfach nur nett klettern: an schönen Platten, wasserzerfressenen Rillen, guten Griffen – und an soliden Bohrhaken, die man in den klassischen Kaiser-Routen meist vergeblich sucht.
Das ist das Wunderbare an der Wunderwelt des Wilden Kaisers: Es ist alles da, für jeden Geschmack und jede Könnerstufe. Wir wählen heute Prädikat Plaisir, den Genuss, und wärmen uns an traumhaften Wasserrillen im Klettergarten Multerkarwand auf. Die ersten Meter müssen wir noch etwas putzen – die Lawinen haben über den Winter Gras und Steine am Fels hinterlassen. Also den „Putzteufel“ (7-) klettern, technische Kletterei vom Feinsten, wie auch in der „God und Gede“ (7/7+).
Sind die Finger erst warm, kann man direkt in eine der kurzen Mehrseillängen einsteigen, in „Das letzte Einhorn“ (7/7+) oder „Schee & Schwaar“ (7/A0) – nomen est omen. Im Hintergrund immer die imposanten Wände der Kopfkraxen und das Sonneck, zu denen es von hier nicht mehr weit ist. Große Ziele für lange Tage draußen.
Besser rollen als hatschen
Wir klettern, so lange wir Lust haben, und seilen dann bequem zum Wandfuß ab. Eine Jause, der Blick übers ganze Tal – vom Großvenediger bis zu den Tuxer Alpen. Und der Rückweg muss nicht der gleiche sein: Zurück an den Bikes radeln wir noch hinüber zur urigen Kaiseralm. Brettljause, Grammelschmalzbrot und – natürlich – ein Radler machen den Tag gleich noch besser. Weil die Sonne noch scheint, hängen wir sogar einen Abstecher zum Hintersteiner See an. Wenn die geschundenen Füße im kühlen Nass des Bergsees abkühlen, denkt man sich: Ein Hoch auf das E-Bike.
An den schönen Wasserrillen im Klettergarten Multerkarwand lässt sich das Feeling für die größeren Kaiserwände schulen. Mit E-Bike auch als Halbtagesaktion möglich, Sonne ab ca. Mittag in der Wand. Das Tragen eines Helms wird auch im Klettergarten empfohlen – oftmals sind Gämsen über den Routen unterwegs. Auch die Mehrseillängen sind sehr gut mit Bohrhaken abgesichert und zum Abseilen eingerichtet (Doppelseil). Routen & Topos gibt es auf climbers-paradise.com.
Zustieg
Von Scheffau (öffentlicher Parkplatz unweit der Kirche) über das Gasthaus Jägerwirt bis zum Ende des Forstwegs unterhalb der Wegscheid-Hochalm. Von hier zu Fuß weiter, zuletzt über ein steiles Schotterfeld zum Wandfuß (ca. 30 Minuten). Genaue Beschreibung & GPX-Track auf climbers-paradise.com.
Tipps & Sicherheit
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