Limit - the best crags in Tirol

20 21 ind Sammler glücklichere Menschen? Diese Frage hat auf den ersten Blick nur wenig mit dem Klettersport und noch weniger mit den Tannheimern zu tun, oder doch? Schon die Neander- taler sammelten Gegenstände, die sie nicht zum Überleben benötigten, sondern das Leben an sich schöner machen sollten, wie Korallen, fossile Muschelschalen oder Bernstein. Aber was macht das Leben tatsächlich schön? Asketen würden behaupten, dass der Verzicht die Lebensphilo- sophie schlechthin sei. Nur das Credo »Weniger ist mehr« mache glück- lich. Wortwörtlich genommen widerspricht das dem Bergsteigen. Denn am Berg wollen wir immer mehr und ganz hoch hinaus. Vielleicht wollte deshalb über Jahrtausende niemand so recht die Berge besteigen? Was sollten wir schließlich auf diesen landwirtschaftlich nutzlosen und noch dazu gefährlichen Bergen ausrichten, außer vielleicht Gämsen zu jagen oder besondere Kräuter und Edelsteine zu sammeln? Das Lebensnot- wendige und somit das Glück müsse demnach im Tal liegen. Erst im 19. Jahrhundert begann sich eine neue Spezies Mensch herauszubilden: der Gipfelsammler. Nun wurde es modern, nach Erstbesteigungen zu ja- gen anstatt nach Gämsen. Das Bergsteigen entwickelte sich vom Mittel zum Zweck – zum Selbstzweck. Wenige Kilometer nördlich der Tannhei- mer residierte damals eine der ersten Gipfelsammlerinnen überhaupt, und zwar Königin Marie von Bayern, die Mutter des Märchenkönigs Ludwig II. Die gebürtige Berlinerin führte den Beinamen »Bayerns erste Alpinistin«. Mitschuld an dieser Leidenschaft war der Ausblick von ihrer Residenz Hohenschwangau in die Tannheimer Berge. Als sie mit 16 an den bayerischen Hof kam, musste die junge Abenteurerin aus der Großstadt dort unbedingt hinauf. Tatsächlich hat sie dann so gut wie alle Gipfel der Tannheimer gesammelt, sogar den Mätzenarsch – welch seltsamer Name. So hieß bis ins Jahr 1854 die Köllenspitze, der höchste Gipfel der Tannheimer. Wie kam es zu dieser Umbenennung? Mätze- narsch lautete im Volksmund die derbe Bezeichnung für den Allerwer- testen einer Prostituierten und so eine Frivolität wollte man der jungen Edeldame nicht zumuten, weshalb man den Berg kurzerhand nach einem »in der Kelle« benannten, benachbarten Kar umtaufte. Nachdem alle Gipfel erstbestiegen waren, kam gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Spezies in den Tannheimern hinzu: der Routensammler. Jetzt, als alle Normalwege bestiegen waren, mussten schwerere Anstiege durch immer noch steilere Felswände gesucht werden, um sich als exklusive Sammler von den gemeinen Gipfelsamm- lern abheben zu können. Gewissermaßen läuteten diese Felsakrobaten eine neue Steinzeit in den Tannheimern ein. Denn genauso wie sich die Steinzeitmenschen für kaum eine andere Tätigkeit als das Sammeln von steinernen Faustkeilen interessierten, entwickelten die Kletterer eine Leidenschaft für das Sammeln von steinernen Griffen, die ebenso wenig Zeit für andere Vorlieben gewährte. Eine Episode aus der Anfangszeit dieser neuen Steinzeit sei hier geschildert: 1896 sollte der Westgrat eines der bekanntesten Kletterberge der Tannheimer erstbegangen wer- den. Bei diesem Projekt waren klingende Namen aus der Alpingeschich- te vertreten, wie Bachschmid, Weixler und Christa. Nach letzterem ist sogar ein Gipfel im Wilden Kaiser benannt, der Christa-Turm. Jedenfalls Sammellust Sammler kommen in den Tannheimern voll auf ihre Kosten. An der Roten Flüh kann man mit der »Südverschneidung« beispielsweise eine Pause-Tour sammeln, am Gimpel mit der »Schrei aus Stein« eine Longline. Hier klettert Stephan die 19. Seillänge in der »Schrei aus Stein«. If you are into collecting, you will love the Tannheim mountains. At the Rote Flüh, one of the highly coveted routes from Walter Pause’s legendary collection awaits climbers. Another amazing, extraordinary long climb (»Schrei aus Stein«), is located in the north face of the Gimpel. In this picture, Stephan is climbing pitch no.19 of the longline. Tagesausflug Mit den E-Bikes geht es von Musau aus auf einem sieben Kilometer langen Forstweg zur Otto-Mayr-Hütte und dann ist man schon so gut wie am Einstieg der Gimpel-Nordwand. Der Kaiserschmarrn auf der Hütte ist übrigens phänomenal. With our e-bikes, we follow the seven kilometre logging road from Musau to the Otto-Mayr hut. The base of the Gimpel north face is just next to the hut and the Kaiser- schmarrn there tastes marvellous. Gimpel | Tannheimer Tal | S | Tannheimer Tal | Gimpel überlisteten die drei Herren die Schlüsselstelle mit Hilfe eines Steigbau- mes und pinselten nach der Erstbesteigung eine freche Botschaft an den Anfang der glatten Stelle: »Nur Mut Johann!«. Die drei Scherzkekse hatten nämlich Johann zu Hause bei seiner Frau gelassen, weil er sich dem Abenteuer nicht gewachsen fühlte. Johanns vermeintliche Feigheit ging in die Geschichte ein, weil der Westgrat seither unter dem Namen der Pinselei bekannt ist. Selbst unter den Sportklettereien im Frankenjura gibt es inzwischen eine Route mit diesem Namen. Wer hätte gedacht, wie weit Johann seither herumgekommen ist. Wer also gerne Routen oder Gipfel mit amüsanten Hintergrundgeschich- ten sammelt, der wird in den Tannheimern fündig. Fündig werden aber auch andere Sammlertypen. Nachdem die Seven Summits und alle 14 Achttausender zu einer banalen Sammlung verkommen sind, sucht der Mensch nach neuen Herausforderungen. Dabei entstand der Typus des ornithologischen Gipfelsammlers. Das sind Menschen, die Alpengipfel mit Vogelnamen sammeln. Diese Sammler müssen etwa auf den Hoch- vogel in den Allgäuer Alpen steigen, der aus einigen Blickrichtungen vielleicht wirklich so aussieht wie ein gewaltiger Vogel mit ausgebreiteten Schwingen. Oder auf die Krähe im Ammergebirge, den Falkenstein im Bayerischen Wald. Oder eben auf den Gimpel in den Tannheimern. Der 2.173 Meter hohe Gimpel ist der prominenteste und markanteste Zacken unter den Klettergipfeln hier und hat so gar nichts mit dem kleinen, etwas pummeligen Piepmatz gemein. Die oben beschriebene »Nur Mut Johann!« führt auf sein Haupt und ebenso wird berichtet, dass der Gimpel mit dem schwierigen Normalweg, der einzige Gipfel der Tannheimer sei, auf den es Königin Marie nicht geschafft habe. In unse- rer Sammlergeschichte spielt der Gimpel, dessen Namen übrigens von Gumpe, »Gümpel« abgeleitet wird, die Hauptrolle. Denn hier gibt es nicht nur sonnige, kurze und bestens abgesicherte Südwandrouten, sondern das Sammlerstück schlechthin in den Tannheimern: die Nordwand mit der »Schrei aus Stein«. Man kann Sammlern vorwerfen, dass sie sich mit ihrer Leidenschaft sozialen Status und Prestige verschaffen wollen, indem sie Dinge sammeln, die nicht jeder sammeln kann: Ferraris zum Beispiel, Gemälde von Van Gogh oder die längsten Jachten. Oder eben Longlines. Das sind die längsten Routen der Nördlichen Kalkalpen. 40 davon hat Adi Stocker in einem Buch gesammelt. Seither herrscht ein regelrechtes »G’riss« um diese Routen, die – wie Adi schreibt – »einem ein gemeinsames Versprechen machen: eine Ausbeute an Erlebnissen und Eindrücken, die weit länger anhält als die zeitliche Länge der Klet- terei.« Allein von daher bietet diese Sammlung viel mehr als nur Materi- elles. Wobei »Schrei aus Stein« mit dem Schwierigkeitsgrad 9- durchaus das Zeug dazu hätte, den sozialen Status in Kletterkreisen zu heben. Und ein bisschen soziale Anerkennung brauchen wir doch alle, oder nicht? Nochmal zurück zum Anfang und zur Frage, ob Sammler glücklichere Menschen seien. Man muss nicht den wissenschaftlichen Studien glauben, die dies mit ja beantworten, sondern nur Stephan und Sarah nach der Begehung von »Schrei aus Stein« fragen: »Longlines-Sammeln macht glücklich. Definitiv!«

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