Als der Flieger am 6. Dezember um 10 Uhr abends in Marrakesch landet, sind wir eigentlich nur müde.
Aber wir sind motiviert und wollen sobald als möglich weiter zu unserem eigentlichen Ziel, der Todhra-Schlucht, also schmeissen wir uns, nachdem wir das Gepäck im Hotel abgeladen haben, nochmal ins Getümmel und suchen den Busbahnhof, um die Abfahrtszeiten zu checken - und die Freude war groß, als wir entdecken, dass der einzige Bus nach Tinerhir um 7 Uhr morgens geht. Naja, nutzt nicht, also nur rasch zum großen, turbulenten Marktplatz noch was essen und ab ins Bett! Der Hotelbesitzer hat uns für morgen um 6 Uhr früh auch zu einem absoluten Wucherpreis ein Taxi organisiert, also kann ja gar nicht mehr so viel schiefgehen!
Und tatsächlich - ich kann es kaum glauben - das Taxi ist mehr oder weniger pünktlich da, wir kriegen noch Bustickets und der Bus fährt auch sehr pünktlich!
Aus dem Reiseführer habe ich mein umfassendes Wissen über marokkanische Distanzen und gebe mich die erste Stunde der Fahrt der Illusion hin, dass die insgesamt 360 km doch wohl in 5 Stunden zu schaffen seien - doch das ist ein Irrglaube!
Mit Teestops, Essensstops, Klostops und sonstigen Unterbrechungen wird es halb fünf Uhr nachmittag, also wir in Tinerhir ankommen - macht also mehr als 9 Stunden für 360km. Naja, Inshallah. Nun also nur noch in die Schlucht und dort ein Quartier finden! Die Taxisuche gestaltet sich langwieriger als geplant, auch die Preisverhandlungen sind nicht so einfach wie man meinen könnte, aber schlussendlich sind wir da! Und es sieht im letzten Tageslicht wirklich ein bisschen mystisch aus.....
Was mit der Zeit dann auch mystisch wurde, ist die tägliche Tajine zum Essen, aber dazu später mehr!

Das Hotel ist mehr als in Ordnung, mit heisser Dusche, zwar erst ab 6 Uhr abends, aber vorher will doch eh keiner duschen!
Am ersten Morgen erkunden wir mal die Schlucht, aber vorher kommt noch Hassan ins Hotel - Hassan ist der örtliche Guide, der den Kletterführer verfasst hat und auch als Kletterlehrer fungiert. Da ohne Führer kein Zurechtfinden möglich ist, erstehen wir denselben, und der ist wirklich sehr liebevoll gestaltet - Hassan hat in seinem Rucksack zwar nie Kletterzeug dabei, aber dafür seine Führer in 4 oder 5 Sprachen.
Die Schlucht ist fast unübersichtlich groß, aber die Zustiege sehr sportklettererfreundlich - maximal 20 Minuten! Wir haben es schom beim ersten durchblättern des Führers bemerkt und es bestätigt sich am Fels - der Großteil der Routen bewegt sich im 5. bzw 6. UIAA-Schwierigkeitsgrad, davon gibt es allerdings wirklich viele! Und die Touren sind allesamt sehr schön, der Fels unglaublich rauh und die Landschaft großartig! Es herrscht Plattenkletterei in allen Spielarten vor, die Wände sind maximal leicht überhängend, aber vorwiegend senkrecht. Es gibt eine Höhle mit Dachkletterei, die allerdings eher schmutzig ist, weil sich wenig Kletterer dorthin verirren.
In den folgenden Tagen stellen wir fest, dass all unsere Friends, Keile, Haken, Hammer, und und und eigentlich für nix gut sind in der Todhra: die Mehrseillängentouren sind zum größtenteil eingebohrt, und das ist auch gut so, denn der Fels ist nicht gerade besonders sicherungsfreunlich, ganz im Gegenteil! Teils ist er sehr kompakt, plattig eben, und dann sind aber immer wieder auch sehr brüchige Abschnitte dabei.
Eingebohrt ist generell sehr gut, laut Hassan hat Michel Piola einen großen Teil der Routen eingerichtet, neben Spaniern, Franzosen, Schweizern und Italienern.
Die Todhraschlucht an sich ist ein Touristenmagnet erster Kategorie, im Dezember ist es allerdings vergleichsweise ruhig und deshalb sehr sehr angenehm.
Der einzige Wermutstropfen (zumindest für mich verfressenes Wesen) ist das nicht sehr große Repertoire des Küchechefs - es gibt jeden Tag Tajine (das ist ein Tongefäß mit Deckel, der die Form eines spitzen Hutes hat, in dem das Essen gegart wirt) mit Kartoffeln, Möhrchen und Huhn.
Und als Nachspeise Mandarinen - für jeden zwei. Hmpf...
Aber das soll die Begeisterung für die Kletterei nicht trüben, für fünf Tage hat man hier genug zu tun, wenn man nicht auf Routen abholen und Listen abarbeiten eingestellt ist. Es ist einfach ein exotisches Klettern, mit Palmen und Steinwüste als ständigen Begleitern - nebst dem obligatorischen Minztee!
Wer also einfach entspanntes Abklettern im November oder Dezember plant, leigt mit Marokko garantiert richtig - schöne Mehrseillängentouren wechseln sich mit entspanntem Sportklettern in der Sonne ab, und das alles in sehr exotischem Ambiente!
Ein Ausflug in die Wüste sollte auch nicht fehlen, der Sonnenaufgang ist wirklich ein Erlebnis!
Und als Abschluss noch ein turbulenter Abend in Marrakesch und eine Urlaubswoche ist mehr als gut gefüllt!